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Internationaler Frauentag 2018

50 Jahre '68 - 50 Jahre zweite Frauenbewegung​
Knapp 50 Jahre ist es her. Da flogen sie. Erst eine, zwei, drei, viele. Tomaten. Sind Tomaten heute ein Zeichen der Emanzipation? Nein. Hätten sie verdient eins zu sein? Jein.
Aber von vorne: Am 13. September 1968 fand in Hannover der Bundeskongress des Sozialistischen Deutschen Studentenverbundes (SDS) statt. Nachdem Helke Sander, Mitglied des Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, zur Problematik der Nichtbeachtung der gesellschaftlichen Diskriminierung von Frauen im SDS redete und sich das Präsidium anschließend weigerte das Thema weiter zu diskutieren, flogen Tomaten in Richtung Präsidium. Zack fertig - zweite Frauenbewegung?
Naja nicht ganz. Der mehr oder weniger berühmte „Tomatenwurf“ ist nur ein möglicher Anfang, um auf den Beginn der zweiten Frauenbewegung zurückzuschauen. Auch zuvor gab es bereits Kritik an der nicht Beachtung der Geschlechterungerechtigkeit im SDS und der zu großen Teilen von im getragenen Studentenbewegung. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die Situation auf dem Bundeskongress das Faß letztlich zum überlaufen gebracht hat. Anschließend gründeten sich in der ganzen Bundesrepublik Frauengruppen und die sogenannten „Weiberräte“. Diese traten vor allem durch provokante Aktionen, welche die Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern thematisierten, in die öffentliche Wahrnehmung.

"Das Private ist politisch"
Die wohl bekannteste Parole der zweiten Frauenbewegung: „Das Private ist politisch“. In diesem Ausspruch wird eines ihrer wichtigsten Anliegen deutlich, zu zeigen, dass auch die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern teil eines umfassenden gesellschaftlichen Herrschaftssystems sind. Probleme von Frauen sollten nicht länger als individuelle verhandelt werden und damit als „Privatsache“ aus der politischen Debatte ausgeschlossen bleiben. Die spezifische Ausbeutung der Frauen durch geringeren Verdienst und unbezahlte Hausarbeit sollten als Unterdrückungsmechanismen anerkannt werden. Die „Frauenbefreigung“ dürfe nicht länger als Nebenwiderspruch abgetan werden.

"Ich habe abgetrieben"
Neben dem „Tomatenwurf“ ist noch ein weiteres Ereignis als Ausgangspunkt der zweiten Frauenbewegung zu charakterisieren: Die Sternkampagne „Ich habe abgetrieben“ aus dem Jahr 1971 richtete sich gegen den Paragrafen §218, der Abtreibung unter Strafe stellt.

Die zweite Frauenbewegung hat es geschafft, Bewusstsein für die kollektiven Probleme von Frauen aufgrund der gesellschaftlichen Unterdrückung zu schaffen. Auch wenn sich seit dem einiges getan hat, wie zum Beispiel die Ermöglichung für Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemanns einen Beruf zu ergreifen (1977) oder die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe (1997), viele der damaligen Forderungen sind auch heute noch nicht erfüllt. Die "GenderPayGap" ist auch 2018 immer noch teil der feministischen Auseinadersetzung, da Frauen* im Schnitt über 20% weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. Zudem werden antifeministische und rechtspopulistische Stimmen laut, die unter dem Vorwand eines "neuen Feminismus" die erreichten Gleichstellungsrechte angreifen und ein traditionelles Frauen- und Familienbild propagieren. Aktuell belästigen in Frankfurt christliche Fundamentalist*innen Beratungsnehmende und versperren den Zugang zur Beratungsstelle zu ProFamilia.(1) Der oben beschriebene Kampf gegen das Abtreibungsverbot ist 2017 wieder verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerutscht: Laut §218 ist ein Schwangerschaftsabbruch nur unter bestimmten Bedingungen straffrei. Das Urteil gegen die Ärztin Kristina Hänel, weil diese gegen das Informationsverbot (§219a) verstoßen habe, hat bundesweit Proteste dagegen ausgelöst und das Thema sogar auf die Tagesordnung des deutschen Bundestags geholt.

#metoo-Kampagne
Die Kampagne #metoo zeugt von der Alltäglichkeit von sexueller und sexualisierter Gewalt, die der sexuellen Selbstbestimmung entgegenstehen. "Kurdische Frauenrechtsaktivistinnen berichten" von ihrem Kampf "gegen den IS, sexualisierte Gewalt, Genitalverstümmelung, Vielehe und Frauenmorde" (2). Unter Androhung von Verfolgung und Gewalt binden Iraner*innen ihre Kopftücher in der Öffentlichkeit an Stöcke und trotzen dem iranischen Regime. Deshalb ist jeder Tag ein Frau*enkampftag!

Wie geschildert sind viele Forderungen der zweiten Frauenbewegung leider heute noch aktuell, da die Gesellschaft von patriarchalen Strukturen durchzogen bleibt. Diese Strukturen gilt es zu beschreiben und zu kritisiern, um die geäußerten Forderungen an ihrem eigenen Anspruch messen zu können. Es gilt "Feministisch (zu) streiten" (3), um beispielsweise den gesellschaftskritischen Gehalt von #metoo oder Kategorien, wie "Frau" (4) zu diskutieren. Dazu lädt die Tagung "Geschlecht, Differenz, Identität: Zum Verhältnis von Subjektivierung und Gewalt" am 9. März ein. (5) Es gilt weiterhin die Forderungen von damals unter den heutigen Bedingungen zu aktualisieren und zu reflektieren, warum sie bisher nicht erreicht werden konnten und gemeinsam weiter für eine freiere Gesellschaft zu kämpfen statt die verschiedenen Kämpfe gegeneinander auszuspielen!

Demonstrationen am 8. März
Am 8. März gibt es traditionell verschiedene Kundgebungen und Proteste. U.a. findet in Frankfurt um 16 Uhr die Demo "My Body My Choice – Our* Riots Our* Voice" statt.
Die Veranstallter*innen rufen dazu auf Herrschaftsverhältnisse anzugreifen und für eine solidarische Gesellschaft einzustehen, in der alle so leben und lieben können, wie und wen sie wollen.
Weitere Infos dazu unter https://achtermaerzffm2018.wordpress.com/8-maerz-demo/


(1)http://frankfurt.radikallinks.org/content/f%C3%BCr-das-recht-auf-k%C3%B6rperliche-selbstbestimmung
(2)https://jungle.world/artikel/2018/09/leerstellen-beim-frauenkampf
(3) http://www.querverlag.de/books/Feministisch_streiten.html
(4) Soziale Ungleichheiten bestehen nicht nur zwischen Frauen und Männern, sondern auch unter Frauen aufgrund von ökonomischer Lage, rassistischer Diskriminierung oder sexueller Orientierung.
(5) https://www.facebook.com/events/142139523146256/