Back to top

Kapitalismus & Klima (Online-Tagung)

Saturday, August 29, 2020 - 10:00am
Ort: 
Per Zoom-Meeting

Für den 29.08.2020 laden wir euch herzlich ein, an einer digitalen Tagung zu Kapitalismus und Klima teilzunehmen! Mit einer Mischung aus vorbereitenden Vorträgen, die wir über die Woche verteilt hochladen werden, sowie samstags dann verschiedenen Workshops (per Zoom-Meeting) und einer abschließenden Podiumsdiskussion wollen wir die Zusammenhänge von Umwelt-Politik, jüngeren (und älteren) Bewegungen, kapitalistischer Produktion und möglichen Auswegen zur Diskussion stellen.

=========
Tagungsplan:

>>Drei Vortrage, hochgeladen unter der Woche, ab dem 24.08:
- Gerhard Stapelfeldt zu Klima und Protest
- Translib Leipzig zu Kapitalismus und der historischen Vernutzung der Natur
- Peter Bierl: "Grüne Braune", zu rechtem Umweltschutz

>>Workshops, am Samstag, 29.08, tagsüber:
-Dorothea Schoppek: "Warum eine sozial-ökologische Transformation Bündnisse braucht"
-Fridays For Future Darmstadt: Einblick in die Bewegung und stattfindende Diskussionsfelder
-Michael Jeske: "Verstrickung in Naturgeschichte - Bringt der ökosoziale Realismus der Generation Thunberg die Wende?"
-Delaram Habibi-Kohlen: "Klimakrise, Corona und Kapitalismus oder: Über die geliebte Sicherheit, dass alles immer so weitergehen kann"

>>Abschließendes Podium am Samstag, 29.08., ab 18 Uhr mit:
-Gerhard Stapelfeldt
-FFF Darmstadt
-Dorotheta Schoppek
-Den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft

=============
Ankündigungstext:

Das Naturverhältnis ist in den letzten Jahren wieder aus der zweiten Reihe hervor getreten. Lange war die Selbstverständlichkeit, dass menschliche Gesellschaft, und damit eben menschliches Leben, nur in und durch die Natur möglich ist, kaum mehr als eine Randnotiz, wenn es über das Potential unserer Gesellschaft zu sprechen galt. Das hat sich geändert, und was thematisch bereits seit den 1970er Jahren von der Umweltbewegung auf die Straße gebracht wurde – und unter anderem seinen Niederschlag in der inzwischen etablierten Partei der Grünen fand – erlebt gerade mit den Fridays For Future ein weltweites Aufleben unter neuen Vorzeichen.
Gründe gibt es allemal, denn die zunehmende Vernutzung der Natur wirft ihren Schatten auch über die Möglichkeit einer besseren Zukunft.

Der Einsatz von fossilen Energieträgern war vor allem in England bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weitestgehend durchgesetzt: Dort wurden für die Textilindustrie die ersten Dampfmaschinen mit Kohle betrieben, eine Folge waren versmogte Städte. Im Europa der Moderne begann so eine Dynamik in der Entwicklungen von Produktivkraft, Energiebedarf und Naturausbeutung, die immer auch Hand in Hand ging mit politisch-ökonomischen Umwälzungen, d.h. mit Gewalt, Vertreibung, Aneignung und Ausbeutung. Diese Umwälzungen in den Lebensbedingungen, auch außerhalb der Manufakturen und Fabriktore, vollzogen sich dabei zusehends global, von der Rohstoffbeschaffung bis zum Absatzmarkt war bald kein Weg mehr zu weit. Und wo es um Rohstoffnachschub und Warenabsatz ging, standen die entsprechenden politisch-militärischen Mittel stets bereit.

Ein weiterer Umbruch erfolgte mit dem Fordismus, der endlich auch für die Arbeiterklasse das Versprechen einer unerschöpflichen Versorgung mit neuen Gütern aufstellt, zunächst in Europa und Nordamerika, im Zuge der sogenannten Globalisierung aber auch in immer weiteren Weltregionen. Die gesteigerte Produktivität ermöglicht an vielen Orten einen Massenkonsum, fordert aber auch eine fortschreitende Ein- und Unterordnung unter die Gesichtspunkte der Verwertung und, damit einhergehend, den Konsum von Ramsch und Wegwerfprodukten in allen Bereichen des Alltags.
In dieser Dynamik konzentriert die Industrie Produktion wie auch Verschmutzung, intensiviert die durch geleistete Arbeit produzierbaren Dinge, entwertet diese aber auch gleich dazu – was an sich nichts schlechtes sein müsste, weil es heißt, dass wir die Dinge, die wir brauchen, eben einfacher herstellen können. Für das Kapital ist das aber ein stetiger Fallstrick. Und die Produktion, von der hier die Rede ist, findet historisch gesehen immer unter dem Gesichtspunkt der Kapitalverwertung statt, ist also auf stetigen Wachstum aufgebaut, auf ein mehr und mehr in der Produktion, getrieben durch die Konkurrenz.

Die heutigen Resultate stimmen dabei wenig optimistisch: Neben der Luftverschmutzung (mit geschätzten 7 Millionen Toten pro Jahr) kündigt sich die Unwirtlichkeit ganzer Erdregionen durch Versteppung ebenso an wie eine Zunahme von Naturkatastrophen.
Und all das ist zu erwarten vor dem Hintergrund einer Weltgesellschaft, die nach über 50 Jahren neoliberaler Zerrüttung kaum mehr gewillt ist, derartige Katastrophen abzufangen, eben nicht solidarisch über eine mögliche Zukunft für alle nachdenken will, sondern lieber über künstliche Inseln und Weltraum-Industrie schwadroniert. Wem solche Lösungen nützen werden lässt sich bereits absehen, etwa am Umgang mit dem Hurricane Katrina in New Orleans, der nicht nur 80% der Stadt unter Wasser setzte und insgesamt 1,3 Millionen Menschen vertrieben hatte, sondern im Effekt noch als willkommener Anlass für Turbo-Gentrifizierung beim Wiederaufbau herhalten durfte. Das verweist auf den zynischen Modus Operandi des Neoliberalismus, der eine Reduzierung der „Überbevölkerung“ (gemessen an ihrer Nützlichkeit fürs Kapital) immer schon wo nicht einkalkuliert, so doch billigend in Kauf nimmt.

Um sich dem Verständnis all dieser Probleme zu näheren, ist es nicht sinnvoll, dem Menschen unvermittelt eine vermeintlich abgetrennte Natur gegenüberzustellen, über die dieser dann ohne Grund herfalle; stattdessen soll der Blick gelenkt werden auf das gesellschaftliche Naturverhältnis. Denn weder Natur noch Gesellschaft können als voneinander unabhängige Momente verstanden und thematisiert werden.

Grund genug also, sich an einem materialistischen Blick auf Natur und Gesellschaft zu versuchen. Der unweigerliche Ausgangspunkt hierbei ist der Bezug auf Marx, der ausgeht vom sogenannten Stoffwechsel der Menschen mit der Natur. Hier sind Menschen selbst ein Teil der Natur, eben leibliche Wesen mit Bedürfnissen, die also essen, trinken und vieles mehr müssen, und die Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse bekommen sie durch die Verarbeitung von Naturstoffen. Die Grundlage materialistischer Gesellschaftsanalyse ist also, dass es sich bei jeglicher Gesellschaft um ein Verhältnis der menschlichen Gattung mit der Natur handelt, weil die Menschen selbst ein Teil der Natur sind und ihr deswegen die Mittel zum überleben abtrotzen können und müssen.
Besondere betont werden muss diese täglich erfahrbare Banalität, da die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen im Kapitalismus in der Warenform statt findet, und also gerade das, was uns gesellschaftlich verbindet (unsere Beziehungen als Käufer, Verkäufer, Produzierende), uns gleich wieder von den Dingen trennt, die wir brauchen. Uns ist es also das „natürlichste Ding der Welt“ geworden, dass sich alle Bedarfsgegenstände hinter einem Preis verstecken. Stücke der Natur werden unter einem Verwertungsinteresse produziert und konsumierbar gemacht, wobei weder das individuelle menschliche Bedürfnis (z.B.der Hunger, ein Brot zu essen) noch eben das vernünftige Interesse der Gattung (z.B. in der Lage zu sein, Getreide für dieses Brot anbauen zu können), die ausschlaggebende Kraft ist. Damit wird die Natur zum bloßen Vehikel für Verwertung, und diese Verwertung ist, als die Vermehrung von Wert an sich, schrankenlos: Es gibt kein zu viel an Kapital, man kann nicht einfach aufhören, Profit zu machen, sonst droht der Untergang in der Konkurrenz (oder zumindest umittelbar das vernichtende Urteil der Unprofitabilität). Deswegen bedient man sich, auch wegen der gesteigerten Produktivität, eben mehr und mehr an der Natur als Möglichkeit, weiteren Profit zumachen; statt einiger Leinenhemden sind es dann ganze Wagenladungen von T-Shirts, die den gleichen Gewinn bringen müssen, und diese Schrankenlosigkeit, die zunächst (und immer noch) nur einem sehr kleinen Teil der Weltbevölkerung zu Gute kam, beißt sich zunehmend mit der Begrenztheit von Erde und Ressourcen.

Aus alle dem ergeben sich für uns eine Reihe von Thesen, die es zu diskutieren (und kritisieren) gilt: Wie ist der Zusammenhang von Umwelt-Politik (als Kampffeld vieler Proteste) und Ökonomie? Wie steht es um die Möglichkeiten und Gefahren eines "Grünen Neoliberalismus", d.h. einer neuen Elite, die sich gerade auf den Weg zur Macht gemacht haben könnte, und den Klimawandel als innerhalb der Verhältnisse zu korrigierende Fehlentwicklung sieht? Wie könnten sich derart partielle Änderungen auswirken auf die Produktion von Vorurteilen, wie wird Verfahren am Ende mit denen, die sich nicht wehren können? Und was sind die Folgen einer solchen Beschränkung auf oft weniger als das Nötigste, ohne grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, d.h. ohne Infragestellung der Produktions- und Tauschverhältnisse, samt ihrer Zwänge und Widersprüche? Andererseits, wie kann diese Radikalität der Theorie einfließen in Ansätze zur Veränderung, wie können mit ihr konkrete Kämpfe geführt werden, statt nur eine unvermittelte Kritik zu üben aus den abgehängten Ecken von Akademie und Szenediskurs?

Mit diesen Fragen und den Begriffen Klima, Kapital und Natur wollen wir uns in eine digitale Tagung begeben. Diese Begriffe und Spannungsverhältnisse sind zunächst bewusst breit angelegt um der Komplexität des Gegenstandes selbst gerecht zu werden und weder ausschließlich über CO2-Werte zu sprechen, noch in dogmatische „Theorie-Debatten“ abzufallen. Dabei versuchen wir unterschiedliche Perspektiven aufzugreifen und zu vermitteln. Beginnend mit drei Vorträgen, über die Möglichkeit zur intensiven Diskussion in vier Workshops und abgeschlossen durch eine Podiumsdiskussion, ist das Ziel ein gemeinsamer und kritischer Austausch über das Verhältnis von Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kritik, Natur und Gesellschaft.