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Tagung: Geschlecht, Differenz und Identität. Über materialistischen Feminismus und Subjektkritik

Samstag, 26. August 2017 - 10:00 bis 22:00
Ort: 
Oetinger Villa Kranichsteiner St. 81, 64289 Darmstadt

Tagung Geschlecht, Differenz und Identität. Über materialistischen Feminismus und SubjektkritikTagung Geschlecht, Differenz und Identität. Über materialistischen Feminismus und Subjektkritik

 

Der Feminismus beansprucht den Kampf gegen die Gewalt zu führen, die den Einzelnen durch das Geschlechterverhältnis angetan wird. Ausgangspunkt sind die Zurückweisung von gesellschaftlichen Zuschreibungen, Zumutungen und Ausschlüssen, die in der Konstruktion von Geschlecht begründet wurden, und schließlich auch die Absage an dieses Konstrukt selbst. Historisch bedeutete dies zunächst das Streiten von Frauen für Gleichberechtigung und die Selbstermächtigung zum politischen Subjekt, ebenso wie die Kritik von institutionellen Praktiken und den mit ihnen einhergehenden Denkmustern zur Rationalisierung von sozialer Herrschaft. Dies findet seine Zuspitzung in der Frage nach Differenz und Identität durch die zweite Frauenbewegung: Dem Anspruch auf Gleichheit als politisches Subjekt im bürgerlichen Sinne wird die Differenz vom unterdrückenden Patriachat gegenübergesetzt. 

Wiederum zurückgewiesen wird diese Dichotomie im Rahmen des poststrukturalistischen Feminismus, in welchem die Dekonstruktion jedem Biologismus zurückweist und den binären Gegensatz 'männlich-weiblich' als Form sozialer Herrschaft denunziert. Anschließend daran will der new materialism die Materialität der Körper wieder mitdenken, jedoch bedeutet eine materialistische Wende noch keine Gesellschaftskritik. In einem durchaus anderem Verständnis von materialistischem Feminismus gibt es, in feministischer Theorie wie Praxis, auch einen ungebrochenen Bezug auf die Kritik der politischen Ökonomie und die Psychoanalyse, und damit auf die Kritische Theorie in ihrer Anklage des durch die zweite Natur bedingten Leids im Angesichte seiner möglichen Aufhebung. 

In der Tagung wollen wir uns die Frage stellen, wie ein materialistischer Feminismus aussehen kann, der, vor dem Hintergrund der skizzierten Aspekte möglicher Kritik, die Vermittlung von individuellem Leid und geschlechtlicher Identität - in einem kriselnden Kapitalismus - fassen und kritisieren kann. Zentral dafür ist die Diskussion über den Zusammenhang von Identität und Subjektonstitution: Wieviel positiver Bezug auf Identiät ist möglich für Auflehnung gegen eben jenes Unterdrückungsverhältnis, das bekämpft werden soll, oder sind Identitätskategorien überhaupt zu verwerfen?

 

 

Programm:


10 Uhr // Begrüßung und Einleitung


10:30-11:30 Uhr // Carina Klugbauer: Materialistischer Feminismus - "unglückliche Ehe" oder notwendige Kritikperspektive?

Ist die Zusammenführung von Marxismus und Feminismus immer noch eine „unglückliche Ehe" wie Heidi Hartmann 1981 attestierte oder ist das Zusammendenken notwendig, um patriarchale Unterdrückung und kapitalistische Verwertungslogik analytisch sinnvoll in Beziehung zu setzen? Und meint marxistisch und materialistisch eigentlich das Selbe? Eingebettet in einen historischen Überblick der Theorieschulen und deren Problemstellungen soll der Frage nachgegangen werden, welche Erklärungskraft ein materialistischer/marxistischer Feminismus heute noch hat.

      

12:00-13:00 Uhr // Lisa Neher: Feministischer Materialismus: Zur Identitäts und -Repräsentationskritik Karen Barads

„the only thing that doesn´t seem to matter anymore is matter“– Ausgehend von dieser Feststellung unternimmt die feministische Wissenschaftstheoretikerin Karen Barad den Versuch die Bedeutung von Materie für Sozialität neu zu konzeptualisieren. Es soll aufgezeigt werden wie ihre Theorie als feministischer Materialismus und produktive Fortsetzung von Judith Butlers Identitäts- und Repräsentationskritik begriffen werden kann. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Bedeutung ihr Materialismus für ein emanzipatorisches feministisches Projekt hat und wie die Grenzen des Ansatzes zu bestimmen sind.

 

14:30-15:30 Uhr // Barbara Umrath: Zwischen älterer Kritischer Theorie und Poststrukturalismus - Überlegungen zu einer feministischen kritischen Gesellschaftstheorie heute                   

Die Kritische Theorie entstand in den 1930er Jahren als eine reflexive Aktualisierung und Weiterentwicklung der Marxschen Theorie. Ähnlich wird im Vortrag die Entwicklung einer feministischen kritischen Gesellschaftstheorie als ein reflexives Projekt verstanden, das Überlegungen der älteren Kritischen Theorie und sog. poststrukturalistischer Denker*innen verbindet. Argumentiert wird, dass ein solches Unterfangen eines erweiterten Verständnisses von Materialismus, einer kritischen Geschlechtertheorie, einer Kritik des autonomen Subjekts und einer ‚situierten’ Utopie bedarf.

 

16:00-17:00 Uhr // Koschka Linkerhand: Geschlecht, Subjekt, Identität. Was kann ein materialistischer Feminismus leisten?

In einer Gesellschaft, in der sowohl Geschlecht als auch Arbeit immer flexibilisierter erscheinen, hat der queere Feminismus der Vielfalt Konjunktur. Aber können wir davon ausgehen, dass ein Feminismus, der sich fast ausschließlich an geschlechtlichen und sexuellen Identitäten abarbeitet, realpolitisch handlungsfähig ist? Fehlt hier nicht die Vermittlung der Vielfalt mit feministischer Gesellschaftstheorie, die historisch gewachsene und strukturelle Benachteiligungen erfassen kann? Es kommt darauf an, das bestehende Geschlechterverhältnis zu analysieren, um kritisch zu intervenieren und darüber hinaus utopisch produktiv zu sein. 

 

17:30-18:30 Uhr // Christine Kirchhoff: "Was will das Weib?" Identität und Differenz in der (freudschen) Psychoanalyse

Freud formulierte programmatisch, dass es nicht die Aufgabe der Psychoanalyse sein könne, zu sagen, was „das Weib ist“, sondern dass es der Psychoanalyse entspreche, zu fragen, „wie es wird“. 

Die Freudsche Theorie des Geschlechterverhältnisses, für Generationen von Feministinnen ein Stein des Anstoßes, scheint zur Klärung dieser Frage nicht unbedingt geeignet. Liest man das infantile Drama um die Entdeckung der Geschlechterdifferenz am eigenen Körper allerdings als Urszene der Konstitution der psychischen Repräsentation von Differenz, als Bedingung der Möglichkeit, nicht nur von Unterschieden zureden, sondern diese auch aushalten zu können, dann wird es komplizierter. Deshalb möchte der Vortrag an der psychoanalytischen Theorie der Geschlechterdifferenz, damit das Verhältnis von Identität und Differenz,entfalten und das kritische Potential dieser Konzeption zeigen.

 

20:00-21:30 Uhr // Podium mit Roswitha Scholz, Barbara Umrath, Koschka Linkerhand und Christine Kirchhoff