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Autonome Tutorien im Wintersemester

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Auch für dieses Semester haben sich einige eurer Mitstudent_innen die Mühe gemacht, sich in verschiedene Fragestellungen und Themenkomplexe einzuarbeiten und diese nun wöchentlich als Autonomes Tutorium anzubieten. Für euch also die sehnlichst vermisste Gelegenheit, endlich den Anschluss an heißt diskutierte Debatten zu finden, endlich ein tieferes Verständnis von Wissenschaft und Gesellschaft zu erarbeiten, endlich die von verschulten Modulplänen ausgesparten Ansätze zu ihrem Recht zu bringen und endlich Einsichten zu gewinnen, die ihren Zweck nicht mit bestandener Klausur erfüllen.

Autonome Tutorien widmen sich Themen, die im straffen Lehrplan der Form und dem Inhalt nach keinen Platz finden. Sie bieten die Möglichkeit, eigenen wissenschaftlichen Interessen ungezwungen nachzugehen und sie in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zu stellen. Das ist angesichts des stetigen Drucks im Studienalltag zwar leider häufig kaum möglich, der Erfahrung nach finden sich in den Tutorien aber dennoch viele Studierende ein, denen das Thema am Herzen liegt und die die Zeit und Muße mitbringen, sich der Sache aufmerksam zu widmen. Und gerade bei schwierigeren Themen werden Wissenshierarchien nicht gegeneinander ausgespielt, sondern alle Teilnehmer_innen mit einbezogen.

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Solltet ihr an einem der geplanten Termine keine Zeit haben, meldet euch einfach bei den Leiter_innen des Tutoriums. Manchmal ist eine Terminänderung in Absprache mit den Teilnehmer_innen möglich. Auch ein späterer Einstieg ist kein Problem. Für eventuelle Raum- und Terminänderungen schaut am besten vorher hier nach.

Wir hoffen auf euer reges Interesse und freuen uns auf eure Teilnahme!

Solltet ihr allgemeine Fragen zum Projekt haben, schreibt uns gerne an , bei Fragen zu den einzelnen Tutorien, schreibt den jeweiligen Tutor_innen einfach direkt.

Ihr möchtet selbst ein Tutorium anbieten? Gegen Ende der Vorlesungszeit wird eine Bewerbungsfrist durch Aushänge und auf der Homepage des AStA bekanntgegeben. Die eingereichten Konzepte werden dann anonymisiert und von einer vom AStA gestellten Auswahlkommission diskutiert und ausgewählt. Alle weiteren Informationen dazu findet ihr auf unserer Übersichtsseite zur Ausschreibung.

Die Tutorien:

Können wir die Maschinen befreien?

„Die Menschen haben zugelassen, daß die Maschinen, die ihnen zu dieser Abschaffung [des Unrechts] verhelfen könnten, zu Naturwesen werden, deren Früchte man nicht ernten kann, weil sie keine mehr hervorbringen; wie schlafende Pflanzen im Winter. Die Menschen müssen ihre Maschinen befreien, damit die sich revanchieren können.“ (Dath 2008)

Die Stichwörter „Automatisierung“ und „Digitalisierung“ sind in aller Munde. Doch wie wird beides eigentlich angewendet im Kapitalismus? Dietmar Dath stellt in seiner Streitschrift „Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus“ die Frage „Haben wir nicht Maschinen gebaut, die den Mangel abschaffen sollten?“ (Dath 2016). Er spricht hier vor allem die zunehmende Armut und Arbeitslosigkeit an. Doch was ist eigentlich eine Maschine und wie hat sie sich verändert im Zuge der sogenannten Digitalisierung? Welche Rolle spielt dabei die Wissenschaft? Diesen Fragen wollen wir in Anlehnung an Marx' sogenanntes „Maschinenfragment“ nachgehen. Außerdem soll im Tutorium anhand Dietmar Daths Streitschrift diskutiert werden, inwiefern sich aus dieser Veränderung emanzipatorische Gedanken für aktuelle gesellschaftliche Probleme ergeben.

Montags 14:25 – 15:55
Erstes Treffen: 28. Oktober
Kontakt: Angelina ( )
Ort: S1|03/116
Ab der dritten Sitzung wechselt der Raum. Bitte kontaktiert die Tutorin, falls ihr zu einem späteren Zeitpunkt einsteigen möchtet.

Kritische Migrationsforschung im Europäischen Kontext

Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ ist spätestens seit 2015 in aller Munde und ist als diskursiver Bezugspunkt kaum noch wegzudenken. Anhand des Krisenbegriffes und dessen Konjunktur seit dem Langen Sommer der Migration im Jahr 2015, lässt sich die Funktionsweise des europäischen Grenzregimes und seine Krise ausführlich analysieren. In dem Tutorium werden wir gemeinsam die Funktionsweise und den Kontext des europäischen Migrationsregimes analysieren und dessen Krise durch die Migrationsbewegungen im 2015er Langen Sommer der Migration nachvollziehen und verstehen. Ziel ist es sich der Gleichzeitigkeit von emanzipatorischen Kämpfen um Migration und von repressiven Politiken anzunähern und diese theoretisch mit den Konzepten der Autonomie der Migration gegenüber strukturellen Unterdrückungs- und Gewaltverhältnissen des europäischen Grenzregimes zu diskutieren. Außerdem sollen aktivistische Praktiken der Solidarität im Kontext des Grenzregimes ebenso thematisiert werden, wie juristische Interventionen im Feld von (Flucht-) Migration.
In Abgrenzung zur klassischen Migrationsforschung werden wir zunächst grundlegenden Fragen nachgehen: Wie funktionieren Grenzen, welche Funktion übernehmen sie und welchen Interessen dienen sie? Wie funktioniert das EU Migrationsregime und welche widerständigen Praktiken gibt es? Als zentraler Bezugspunkt für diese Fragen wird uns das Buch „Der Lange Sommers der Migration“ von Hess et al. dienen, das 2017 als 3. Band der Grenzregime Reihe erschienen ist.

Montags 16:15 – 17:45
Erstes Treffen: 28. Oktober
Kontakt: Darius ( )
Ort: S1|15/238

Politik und Moral. Zum Verhältnis von Staatsräson, Souveränität und sittlichem Ideal

Das Verhältnis von Politik und Moral ist ein kompliziertes: Auf der einen Seite stellen wir alle wie selbstverständlich moralische Forderungen an unsere politischen Institutionen, wenn wir etwa Gerechtigkeitskriterien geltend machen, um entweder die Umverteilung von Wohlstand oder aber die strenge Einhaltung des Leistungsprinzips zu fordern; auf der anderen aber wird gegen diese Anwendung der Moral auf politische Verhältnisse auch regelmäßig der Appell an eine nüchterne, realitätsgerechte, realpolitische Betrachtung von Macht- und Besitzverhältnissen gewendet. Jede Seite löst den Konflikt zwischen dem, was die Welt ist und dem, was sie sein sollte, in eine andere Richtung auf: Die Welt soll sich entweder nach dem Ideal richten und womöglich auch fundamental verändern oder das Ideal gerade nur soweit gültig sein, wie es sich in der Welt, wie sie nun einmal ist, unterbringen lässt. Der Streit zwischen diesen Grundpositionen durchzieht die Geschichte des Denkens über Politik von seinen Anfängen in der Antike bis in die Moderne. In diesem Tutorium wollen wir die verschiedenen Stationen dieser Auseinandersetzung nachvollziehen, wobei im Zentrum das sich verändernde Verständnis des Staates und seiner Funktionen – vom frühmittelalterlichen christlichen Gemeinwesen über den liberalen Nachtwächterstaat bis hin zum modernen Verwaltungsapparat – stehen soll. Dabei soll sich zeigen, ob es nicht doch möglich ist, die beiden scheinbar unvereinbaren Positionen in ein sinnvolles Verhältnis zueinander zu setzen. Wir werden dazu mit Klassikern der politischen Ideengeschichte arbeiten, eine Vorkenntnis im Bereich der politischen Philosophie ist jedoch ebenso wenig nötig, wie ein Studium der Geistes- oder Sozialwissenschaften, bei Bedarf kann mit grundsätzlicher Einführungsliteratur begonnen werden. Ich hoffe, euch bald im Tutorium zu treffen und freue mich auf einen interessanten Gedankenaustausch!

Montags 18:05 – 19:35
Erstes Treffen: 28. Oktober
Kontakt: Sophia ( )
Ort: S1|03/11

Ein deutscher Sonderweg (?) – Strömungen und Debatten der Radikalen Linken in Deutschland nach 1989

Sie ist Bezugspunkt für Studierende der Sozialwissenschaften und Philosophie im Hinblick auf ihr Forschungsinteresse, teilweise auch Sozialisationsagentur oder einfach nur ein Meme oder Quelle der Sticker am WG-Kühlschrank: Die radikale Linke. Doch was ist sie eigentlich und vor welchem realgeschichtlichen Hintergrund hat sie sich entwickelt und ihre Debatten ausgetragen? Diesen Fragen soll im Tutorium nachgegangen werden!
Wir wollen gemeinsam Texte lesen, die für die Entwicklung der radikalen Linken in Deutschland in den letzten 30 Jahren wichtig waren und die Debatten zu Themen wie Wiedervereinigung, Golf- und Jugoslawienkrieg geprägt haben und für das Verständnis und die Beurteilung von Problemen wie Rassismus, Queerfeindlichkeit und Antisemitismus wichtig wurden. Neben der Lektüre der Orignaltexte versuchen wir eine sozialgeschichtliche und -philosophische Einordnung dieser Bewegung vorzunehmen.

Dienstags 16:15 – 17:45
Erstes Treffen: 29. Oktober
Kontakt: Johannes ( )
Ort: S3|06/146

Beeinflussung der öffentlichen Meinung mit Hilfe der Informatik – und wie man darauf reagieren kann

Dokumentationen über Datenanalyse-Unternehmen wie Cambridge Analytica, Anhörungen von Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress, sowie Beeinflussung von Wahlen, indizieren ein steigendes Interesse der Gesellschaft bezüglich Möglichkeiten der Beeinflussung durch das Internet.
In den Medien wird vor allem über die Auswirkungen und die möglichen Urheber solcher Angriffe diskutiert, wobei die Frage, wie eine solche Beeinflussung im Detail funktioniert – und was man dagegen tun könnte – kaum Beachtung findet.
Das sind genau die Themen, mit welchen wir uns auseinandersetzten werden. Wie viel Arbeit und Manpower werden benötigt, um eine Wahl mit über 220 Millionen Wahlberechtigten signifikant zu beeinflussen? Wer hat Interesse an so etwas?
Und spielt es bei solchen Beeinflussungen eine Rolle, ob „gute“ oder „schlechte“ Ziele verfolgt werden? Das sind ethische Fragestellungen, mit welchen wir uns beschäftigen werden.
Ein weiterer Schwerpunkt des Tutoriums liegt auf Gegenmaßnahmen, welche man aus dem Feld der Informatik versuchter Beeinflussung entgegensetzten kann. Die Möglichkeiten dafür sind breit gefächert. Beispielsweise wäre eine automatische Erkennung von Beeinflussungen auf besuchten Internetseiten möglich. Diese könnte zum Beispiel so aussehen, dass Textpassagen in welchen sich der Autor Stilmitteln der Beeinflussung bedient farblich gekennzeichnet werden. Damit könnte Bewusstsein bei dem Nutzer bezüglich Beeinflussung geschaffen werden. Was für gesellschaftliche Implikationen ergeben sich aus diesen Methoden?
Das Ziel des Tutoriums ist es folglich, die gesellschaftlichen Herausforderungen, die durch Beeinflussungen im Informationsraum entstehen herauszuarbeiten und zu erörtern, sowie mögliche Gegenmaßnahmen, sowie deren ethischen Implikationen zu betrachten.

Dienstags 18:05 – 19:35
Erstes Treffen: 29. Oktober
Kontakt: Annemike ( )
Ort: S1|02/344

Fragend schreiten wir voran!

Wo ist das schöne Leben? Wie kann ich es bekommen? Wo muss ich mich dafür anstellen? Wie kann es Gleichheit geben? Wo bekomme ich die Freiheit her? Was ist das überhaupt für eine Überschrift für ein Autonomes Tutorium? Viele Fragen. Direkte Antworten gibt es nicht. Komplexe Zusammenhänge und Erklärungsversuche schon. Es gibt genügend Vordenker*innen und Praxisbeispiele, die eine selbstorganisierte, solidarische Gesellschaft möglich machen. Zunächst werden wir mit Pjotr Alexejewitsch Kropotkin einen der bekanntesten Vertreter des Anarchismus widmen und uns mit seinem wohl wichtigsten Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt beschäftigen und die Thesen analysieren. Nach einem geschichtlichen Rückblick schauen wir in die Gegenwart, wo und wie in den aktuell gegebenen gesellschaftlichen Rahmen die Basisdemokratie Anwendung findet. Denn es gibt sie auch heute: die Alternative zum Jetzigen. Sowohl auf lokaler Ebene aber auch beim Blick über den Tellerrand hinaus. Dabei widmen wir uns verschiedenen Texten u. A. von Murray Bookchin, Augustin Souchay, Jens Kastner. Denn ja, es gibt sie. Die Alternativen zum Jetzigen. Jede*r ist willkommen. Egal in welchem Semester, aus welchem Fachbereich oder welche Vorkenntnisse: Fragend schreiten wir voran!

Dienstags 18:05 – 19:35
Erstes Treffen: 29. Oktober
Kontakt: Benedikt ( )
Ort: S1|02/244

Kritik der Autorität. Perspektiven der frühen Frankfurter Schule.

In unserem Alltag begegnen uns allerlei Instanzen und Menschen, die für sich und uns gegenüber Autorität beanspruchen: Bspw. die Lehrkraft der Universität, die Ärztin, Vertreterinnen staatlicher Institutionen. Dabei erscheinen in Lehrkraft, Ärztin und staatlicher Institution unterschiedliche Formen von Autorität, die auf je eigene Weise begründet wird: Aufgrund einer Position, einer Expertise oder der Androhung von Sanktionen. So unterschiedlich sich diese Arten von Autorität darstellen, so sehr haben sie etwas gemein: Autorität muss anerkannt werden. Damit wir etwas aus freien Stücken anerkennen können, müssen wir es allerdings beurteilen können. Das lassen Situationen, in denen Autorität wirksam sein soll, zumeist nicht zu: Ob ein ärztlicher Rat sinnvoll ist oder nicht, können Laien nicht einschätzen. Nun kommt es in den meisten Warteräumen nicht zur Aufführung eines Medizinstudiums, das jemanden hierzu befähigen würde. Vielmehr wird dem anweisenden Rat gefolgt. Wir vertrauen der Autorität in der Sache. Ebenso ist die Ärztin darauf angewiesen, dass ihre Autorität in diesem Zusammenhang nicht bezweifelt wird, damit sie ihren Beruf ausführen kann. Was hier im Kontext der Sachautorität zu verdeutlichen versucht wurde, verweist auf einige Fragen zur Autorität im Allgemeinen: Was ist erforderlich, damit Autorität anerkannt wird? Wann lässt sich Autorität rechtfertigen und wann kippt sie in eine Herrschaft mit Zwangscharakter? Wie verhalten sich Autorität und Freiheit zueinander? Wann wird Autorität zu einem Problem?
Dieses Tutorium möchte sich Fragen wie diesen widmen. Sie sollen hierbei aus der Perspektive der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule der ersten Generation gestellt werden. Dabei stehen eher kleinere Autorennamen und Schriften im Vordergrund [bspw. Löwenthal, Neumann] – doch natürlich dürfen auch Adorno und Horkheimer nicht fehlen. Um diese Texte zu entziffern, werden zunächst einige Grundlagen klassischer Denkmotive der KT erarbeitet [Kant, Hegel, Marx], die für das Nachdenken über Autorität hilfreich sein könn[t]en. Dieses Tutorium ist damit eine Einführung in die Kritische Theorie – entlang des Autoritätsbegriffs – sowie eine Thematisierung dieses merkwürdigen Phänomens Autorität selbst.     
Studierende aller Semester und Fächer – ebenso wie Textvorschläge – sind herzlich willkommen. Vorwissen ist nicht nötig, machen wir doch täglich die Erfahrung beanspruchender Autorität.

Mittwochs 14:25 – 15:55
Erstes Treffen: 30. Oktober
Kontakt: Luis ( )
Ort: S1|02/34; ab 13.11. im Raum S1|02/344

Social value of privacy

Personal privacy is one of the most pressing challenges in modern society. Information technology has developed by leaps and bounds, and increasing amount of data is collected, stored and processed. What happens to the data that is collected and how will it affect individual lives? What are consequences of wise-spread use of machine learning on the identity of individuals, on social relationships and for the society at large?
Privacy plays an important role in understanding these issues. Often privacy is discussed through the lens of individual information control and individual rights. However, this narrow view of privacy is inadequate and we need a broader perspective of privacy as a social value to better understand the impact of data-intensive and privacy-invasive technologies.
In this tutorium, we will use texts from sociology, law, philosophy and computer science to discuss the social dimension of privacy. Specifically, we will discuss the notion of group privacy, to account for big data analytics that pose a risk not only to individuals but also to groups. As this tutorium incorporates texts from various disciplines, students from all disciplines are welcome and no prior knowledge will be expected; although an interest in the role of technology in society is a prerequisite.

Wednesdays 18:05 – 19:35
First meeting: 30th of October
Contact: Kris ( )
Location: S1|02/344

Elias Canettis Roman: Die Blendung

In diesem Tutorium soll Elias Canettis Roman Die Blendung gelesen und – auch anhand von Begleittexten – besprochen werden. Canetti musste lange auf die Anerkennung seines Werkes warten und ist auch jetzt noch wenig beachtet, dabei geht schon von seiner dreiteiligen Autobiographie, die einem das 20. Jahrhundert zum Greifen nahe bringt, eine unglaubliche Sogwirkung aus.
Canettis Gesamtwerk durchzieht die Hoffnung auf Glück, die Ehrfurcht für das Leben und die Rebellion gegen den Tod. In seinem einzigen Roman zeigt Canetti unter anderem, wie die Individuen „einander entstellen und zerreißen“ (Canetti, Der Beruf des Dichters) und somit ihr mögliches Glück noch zusätzlich sabotieren. Die Zerfallenheit der Welt und ihrer Individuen in der Moderne stellt sich dar im phrasenhaften Ausdruck der Protagonisten, welche Canetti gekonnt konstruiert. Dessen Funktion der Distanzwahrung wird immer wieder untergraben durch Wünsche und Aggressionen, die diese sprachlichen Panzer durchbrechen.
In seinem Essay Der Beruf des Dichters charakterisiert Canetti das Verharren in Trauer und Verzweiflung des Dichters in seinem Werk als Voraussetzung des Aufspürens eines Auswegs aus diesem Nichts, welches diese Situationen individuell und kollektiv für ihn darstellen.
1935 zum ersten Mal erschienen, nimmt der Roman die Umbrüche des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts auf und drückt diese mit groteskem Humor aus. Einflüsse dieser Zeit, wie Sigmund Freuds Psychoanalyse und Karl Kraus’ Kulturkritik sollen zwar betrachtet werden, im Mittelpunkt des Tutoriums sollen aber vor allem der Roman und Canettis sprachliche und literarische Mittel und Verfahren stehen.

Mittwochs 18:05 – 19:35
Erstes Treffen: 30. Oktober
Kontakt: Tonguç ( )
Ort: S1|02/144

„Israel ist unser Unglück“ – Über Israels alte und aktuelle Feinde

„Ladies and gentlemen, the people of Israel have come home never to be uprooted again.“
(Benjamin Netanjahu, israelischer Ministerpräsident vor der UN Vollversammlung 2013)

Der einzige jüdische Staat der Welt hat es nicht leicht. Seit der Staatsgründung 1948 war es erklärtes Ziel der feindlich gesinnten Nachbarstaaten alle Israelis ein für alle Mal ins Meer treiben zu wollen. Ein anhaltender palästinensischer und jihadistischer Terrorismus sowie die ständige Bedrohung durch die islamische Republik Iran zeigen, dass es sich weiterhin zu verteidigen gilt. Währenddessen solidarisieren sich weite Teile der westlichen Linken mit jenen, die der Vernichtung Israels zuarbeiten. Neonazis wie die „Die Rechte“ betrieben zur letzten Europawahl mit der alten Parole „Israel ist unser Unglück“ Wahlkampf und Gruppen wie Boycott, Divestment and Sanctions rufen zum Boykott israelische Produkte, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen auf. Angriffe auf Israels Bevölkerung und legitime Interessen des jüdischen Staates werden mit der allgegenwärtigen Rede von der „Spirale der Gewalt“ vertuscht. Deutsche Medien stellen allzu gerne den von Holocaust-Überlebenden gegründeten Staat als neuen Täter dar. Auch auf internationaler Ebene heißt es vielfach, die einstigen Opfer seien nun die Unterdrücker des „palästinensischen Volkes“. Im Tutorium soll unter anderem diskutiert werden, was angesichts der deutschen Außenpolitik, die die Sicherheit Israels zur Staatsräson erklärt, aber seinen Feinden Rückendeckung bietet von Aussagen zu halten ist, man sei „wegen Auschwitz in die Politik gegangen“.
Durch die gemeinsame Lektüre aktueller, meist wissenschaftlicher, jedoch leicht verständlicher Beiträge und einiger Fallbeispiele sowie an Hand des Dokumentarfilms „Hate Spaces“ sollen die alten und aktuellen Feinde Israels genauer betrachtet, ihre Argumentationsweise analysiert und hinterfragt werden. Hierbei soll letztlich aufgezeigt werden, dass sich hinter „Antizionismus“ oder „Israelkritik“ das alte antisemitische „Gerücht über die Juden“ (Adorno) versteckt.

Donnerstags 16:15 – 17:45
Erstes Treffen: 31. Oktober
Kontakt: Tim ( )
Ort: S3|20/4

Mensch – Maschine – Gesellschaft. Ingenieur*innen als Produkte und Produzent*innen der Gesellschaft

Private Raumfahrt zum Mars, Kampfroboter, die Pakete zustellen, Mikrochipimplantate im Gehirn, Industrie 4.0, Big-Data-Analyse im Warenlager und immer größere SUV. Während manche jede noch so irrsinnige Verschiebung der Grenzen des technisch Möglichen unhinterfragt als Großtaten (meist männlicher) Ingenieure zelebrieren, drängt sich disziplinübergreifend immer mehr die Frage auf, wie bewusst oder unbewusst Technologie entwickelt wird, welche Ziele mit ihr verfolgt werden und zu wessen Nutzen sie ist. Um diese zu beantworten, soll im Rahmen unseres Tutoriums die Rolle der* Ingenieur*in als Produkt und Produzent*in der Gesellschaft untersucht werden – inwiefern die Ingenieur*innen die herrschenden Verhältnisse in der von ihnen entwickelten Technologie reproduzieren – sowie die Frage, ob diese inhärenten Makel einer Anwendung der Maschinen in einer Gesellschaft der Gleichen im Wege stehen. Daran anschließend werden wir die wechselnde Wahrnehmung der Technologie, aktuelle technologische Entwicklungen und Ansätze für gesellschaftliche Herausforderungen diskutieren. Ausgewählte Texte von Foucault, Bloch, Marcuse, Wajcman, Panzieri aber auch aktuelle Fallstudien und Kunstwerke bieten hierfür die  inhaltliche Grundlage. Das Tutorium kann für Teilnehmer*innen aus den Ingenieurwissenschaften ein Anlass der Selbstreflexion sein, soll aber für Studierende aller Fachrichtungen offen sein, um eine Beschäftigung mit der Technologie und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu ermöglichen. Es besteht die Möglichkeit das Tutorium auf Englisch abzuhalten, um internationalen Kommiliton*innen die Teilnahme zu erleichtern.

🛈 Michaela and Kevin offered to give this tutorium in English, if asked for. Here is the announcement in English:

Private spaceflight to Mars, fighting robots making deliveries, microchip brain implants, Industry 4.0, Big-Data Analysis in warehouses and SUVs bigger than ever. While some people unquestioningly celebrate pushing the boundaries of technology as great deeds of (predominantly male) engineers, there is a pressing need to focus on the question of how consciously or unconsciously technology is developed, what goals its development follows and for who it will serve to be used by. To answer this question, we will analyse the role of engineers as products and producers of society: to what extent engineers reproduce the prevailing social relationships in their designs on one hand, and whether these faults stand in the way of applying machines in an
egalitarian society on the other. In addition, we will discuss how technology has been perceived and how it has approached social challenges. We will base our discussions on a wide selection of texts for example by Bloch, Marcuse, Wajcman, Panzieri, several case studies, and works of art. The seminar is open for students of all disciplines – while it can offer engineering students a space for self-reflection, it will provide students of all other disciplines an opportunity to learn more about technology and its role in society. The seminar can be offered in English, international students are welcome.

Donnerstags 18:05 – 19:35
Erstes Treffen: 31. Oktober
Kontakt: Michaela & Kevin ( )
Ort: S1|02/244

Frauen* in der Nacht: Von nächtlicher Emanzipation, Flanieren in der Dunkelheit und
un(-vorher-)gesehener Performance

„Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

(Bertolt Brecht, Die Moritat von Mackie Messer)

Sei es träumend, während einer Nachtschicht, in der euphorischen Erinnerung an durchtanzte Nächte oder doch die qualvolle Angst, die Frauen* und Queers in der Dunkelheit noch viel zu oft begleitet: die Nacht ist omnipräsent. Auch in zahlreichen Textkorpora und Denkgebäuden der Wissenschaften findet sie sich; als Allegorie, als Raum, als Gefühl, als Dunkelheit. Unser Autonomes Tutorium macht es sich zur Aufgabe sich der Nacht affirmativ-feministisch aus drei verschiedenen Richtungen zu nähern: Theoretisch, theaterwissenschaftlich/künstlerisch und praktisch-aktivistisch. Welche widerständigen Potenziale bietet uns die Nacht?, fragen wir.
Nachdem wir zu Beginn Erfahrungen zum Themenkomplex ausgetauscht und Fragen an die Nacht entwickelt haben, fragen wir aus queer-feministischer, post-kolonial informierter Perspektive nach der verstrickten (Kultur-)Geschichte der Nacht, ihren Realitäten für verschiedene Körper in der Stadt, auf der Bühne, in unseren Köpfen, in den Wissenschaften sowie nach den emanzipatorischen Potenzialen, die sie für feministische Politiken birgt.
Unser kulturelles Repertoire und die Episteme der westlichen Moderne sind nicht erst seit der Aufklärung strukturiert von vergeschlechtlichten Dichotomien, die mithilfe von Lichtmetaphoriken funktionieren und nicht selten Nacht und Weiblichkeit assoziieren . Was bedeutet diese Dichotomie und lässt sie sich unterlaufen? Welchen emanzipatorischen Umtrieben bot und bietet die Nacht ihren Schutz? Und ist Schlafen im 24/7-Kapitalismus eigentlich widerständig?
Der zweite theaterwissenschaftliche Block thematisiert die Dunkelheit auf, um und hinter der Bühne: Wer bleibt unsichtbar? Wie lassen sich Nacht und Dunkelheit performativ aneignen, umformen, durchtanzen? Neben klassischer und zeitgenössischer Literatur werden wir gemeinsam Aufnahmen von Performances sehen und diskutieren. Alle Teilnehmenden sind außerdem eingeladen, zusammen eine abendliche Performance zum Thema zu besuchen.
Dem Ausflug in die Zuschauerränge folgt ein praktisch orientierter Block, der es sich zur Aufgabe macht danach zu fragen, wem eigentlich die Stadt (nachts) gehört und wie sie feministisch angeeignet werden kann. Was passiert zum Beispiel, wenn Frauen* in der Stadt tagsüber flanieren und nachts flexen? Neben dem gemeinsamen Lesen, Diskutieren und Flanieren, wollen wir mit erfahrenen Stadtrundgängerinnen einen feministischen (Nacht-)Stadtrundgang entwickeln. Dafür sind zwei Sitzungen am Ende des Tutoriums eingeplant.
Das Tutorium findet darüber hinaus begleitend zu einer Konferenzplanung zu diesem Thema statt, sodass Teilnehmende auf deren Inhalt, und bei Interesse deren Organisation, Einfluss nehmen können.

Freitags 16:15 – 17:45
Erstes Treffen: 1. November
Kontakt: Magdalene ( ) & Carolin ( )
Ort: S1|03/126

Themen: