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Autonome Tutorien im Wintersemester 2017/18

Plakat Autonome Tutorien WS17/18

Im Wintersemester werden ab dem 30. Oktober wöchentlich zwölf von Studierenden konzipierte Autonome Tutorien angeboten. Wir hoffen das Programm stößt auf euer Interesse und führt zu reger Teilnahme und aufschlussreichen Diskussionen.

Solltet ihr allgemeine Fragen zum Projekt haben, schreibt uns gerne an , bei Fragen zu Tutorien, schreibt den jeweiligen Tutor_innen einfach direkt.
Gelegentlich wechselt der Raum oder Termin nach ein paar Wochen. Wenn ihr also erst später dazu stoßt, fragt am besten vorher per Mail nach.

Die Tutorien:

"Denken in Tentakelform. Denken abseits des Menschen" – mit Haraway und Barad für eine neue Praxis der Wissenschaft

"The only scientific thing to do is revolt!"
(Brad Werner)

Um die Welt steht es nicht gut. Der Mensch, oder vielmehr das System, das sein Leben organisiert, das ihm Luxus und "Freiheit" verspricht, scheint dem Planeten nicht wohlgesonnen. Neben dem Klimawandel warnt die Wissenschaft vor dem sechsten großen Artensterben, zeigt auf Berge von Plastikmüll im pazifischen Ozean, auf sterbende Ökosysteme, die sich nicht mehr regenerieren können. Unsere Art, mit der Welt umzugehen, in ihr zu leben, scheint keine Zukunft zu haben.

Donna Harraway und Karen Barad gehen radikale Wege, um dem System, das "uns" (im reicheren Westen) noch so viel zu versprechen scheint, das aber eben auch ausbeutet und vernichtet, Autor der genannten Phänomene ist, die Stirn zu bieten. Sie streiten für ein "neues Denken", für ein anderes Mit und In-der-Welt-Sein. Haraway sucht mit ihrem "Tentacular Thinking" der Verletzlichkeit und Vielschichtigkeit des Lebens Rechnung zu tragen. Sie will, dass der Mensch über die Grenzen seiner Spezies "hinweg" sieht und gemäß der daraus resultierenden lebensbejahenden Perspektive handelt, dass er darauf verzichtet, sich immer weiter fortzupflanzen, aufhört, nur sich selbst zu sehen. Die Physikerin Karen Barad entwickelt mit ihrem "agentiellen Realismus" eine ähnlich revolutionäre Theorie. Die Quantenphysik Bohrs zugrundelegend argumentiert sie gegen die Idee von eindeutig bestimmbaren Objekten. Jene würden erst durch ein Komplex an Beziehungen, Phänomenen geschaffen, bleiben immer unbestimmbar.

Kann ein Verwischen von alten Vorstellungen, ein Denken in Tentakelform, das auch die Wirbellosen berücksichtigt, etwas erreichen? Können wir uns überhaupt darauf einlassen, die gewohnten Konzepte hinter "uns" zu lassen, das "uns", den Menschen, aus dem Denken nehmen? Ist das dann überhaupt noch ein Denken? Ist es feministisch? Warum? Und von wo genau lässt es sich formulieren? Wie kann Haraway den Klimawandel "anerkennen", mehr noch, ihn auch als motivierenden Faktor ihres Wirkens verstehen, die Praxis, die ihn "erkannt" hat, aber so verschmähen? Wie kann Barad sich auf Bohr beziehen, mit ihm eine neue Ontologie denken, aber jenen Physiker_innen widersprechen, die an ihn anschließen?

Montags 18:05–19:35
Erstes Treffen: 30. Oktober
Kontakt: Julia ( )
Ort: S1|03/161

Walter Benjamin, Kitsch und die Politik der (Spät-)Moderne

Mit dem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen mag es erscheinen, finde nicht nur ganz konkret, sondern auch begrifflich großer Regress statt. Klassische Unterscheidungen wie Rationalität/Emotionalität oder Wahrheit/Lüge erlangen neue Relevanz. Man sieht sich dem Umstand ausgesetzt, mit Politiken konfrontiert zu sein, die radikal und unversöhnlich ihre eigenen Vorstellungen von Wahrheit und Unwahrheit an Gesellschaft anlegen. Doch gerade innerhalb dieses begrifflichen Apparats schien sich eine schlagende Entgegnung nur schwerlich formulieren zu lassen und so beschränkten sich viele politische Akteur*innen auf Plattitüden. Schon in den 1980ern behauptete Milan Kundera: „politische Bewegungen beruhen nicht auf rationalen Handlungen, sondern auf Vorstellungen, Bildern, Wörtern und Archetypen, die als Ganzes diesen oder jenen politischen Kitsch bilden.“ In diesem Sinn wohnt vielen politischen Formen und Formulierungen eine gewisse Unangemessenheit inne. Sie wirken anachronistisch, verkürzt, bis weilen vulgär oder hölzern oder reproduzieren sexistische Klischees. Ein geflügeltes Wort wie etwa ‚Soziale Gerechtigkeit’ scheint gegenwärtig eher von nostalgischem denn gestalterischem Gehalt. Die ‚Soziale Frage‘ in solcher Hinsicht weniger ‚emotional‘ zu begreifen, würde dies wohl kaum kompensieren. Es ginge vielmehr darum, diesen Umstand ernst zu nehmen, dieses Unvermögen nicht als eines individueller politischer Akteur*innen zu begreifen, sondern als Ausdruck einer spezifischen historischen Situation: als Entzug tatsächlicher Gestaltung von Gesellschaft, also Politik. Gewissermaßen als schlechte Ästhetisierung des politischen Lebens. Dieser könnte mit einer Politisierung des Ästhetischen begegnet werden.

Im Tutorium werden wir uns dem Themenkomplex anhand von Texten von Walter Benjamin und Milan Kundera nähern.

Montags 18:05–19:35
Erstes Treffen: 30. Oktober
Kontakt: Felix ( )
Ort: S1|03/11

Luxus und Askese

„Ich würde direkt sagen, der Luxus ist die Vorwegnahme der Utopie. Vielleicht hätte auch Marx manches besser und differenzierter sagen können, wenn es ihm nicht so schlecht gegangen wäre.“ (Leo Löwenthal)

Die Betonung des Luxus ist in der deutschen Linken in den letzten Jahren zu großer Beliebtheit gekommen. Vielenorts wurde das gute Leben für alle oder „Straßen aus Zucker“ gefordert und damit eine Art Vorwegnahme einer Utopie umrissen, ohne allerdings klar auszuleuchten, wie diese konkret zu denken sei. Weitestgehend blieb es eine Hoffnung, die durch ihre Aussprache in der tristen Gegenwart zu einer Plattitüde verkommen musste. Das ist doppelt interessant; ist doch der Luxus eines der Versprechen von Kommunismus und Kapitalismus gleichermaßen. Wir möchten im Tutorium, dieser Paradoxie anhand philosophischer Texte von Theodor W. Adorno, Leo Löwenthal und Lambert Wiesing, gesellschaftswissenschaftlichen Texten von Karl Marx, Iring Fetscher und Vertretern der Postwachstumstheorie sowie „literarischen Einsprengseln“ (u.a. Heinrich Mann und Hans Fallada) nachgehen und schauen, was sie zum Begriff des Luxus zu sagen haben und wie dieser für eine zukünftige Gesellschaft beschaffen sein kann. Gleichzeitig möchten wir uns mit dem Gegensatz des Luxus, der Askese, und ihren teils wahnhaften Formen beschäftigen um letztendlich herauszufinden wie in der Dialektik von Überfluss und Entsagung das gute Leben möglich sein könnte.

Dienstags 16:15–17:45
Erstes Treffen: 31. Oktober Findet trotz Feiertag statt. Falls ihr deshalb nicht könnt, ist es kein Problem einfach in der darauf folgenden Woche einzusteigen.
Kontakt: Johannes R. ( )
Ort: S1|03/10

Genesis und Geltung - Zur Kritik bürgerlicher Moralphilosophie

In Sophokles' Tragödie Antigone sieht sich die Titelheldin in eine dilemmatische Situation versetzt: entweder sie gehorcht der positiven Gesetzgebung des Kreon, derzufolge niemand ihren Bruder Polyneikes begraben darf, der vorher versuchte ihre Heimatstadt Theben gewaltsam unter seine Herrschaft zu bringen oder sie gehorcht der tradierten religiösen Vorschrift, die wiederum das gesetzlich Verbotene gebietet. Der nicht einseitig lösbare Konflikt ist einer zwischen kodifizierter und nicht kodifizierter Normativität, die beide absolute Geltung für sich beanspruchen. Antigone handelt, während sie ihren Bruder im Verlauf des Stücks begräbt "im vollen Bewusstsein ihres 'frommen Frevels', das heißt, des moralisch motivierten Rechtsbruchs" und gleichsam stellvertretend für die "Idee eines Staates, in dem das politische Handeln nicht gegen allgemein menschliche, zivilisatorische Gebote verstoßen darf". Während die im Dilemma des normativen Zwangs befindliche Tragödienfigur Antigone – mithin zur Strafe für die Idee einer Versöhnung des Allgemeinen und Besonderen – als solche den Tod finden muss, befinden sich die Zuschauer*innen des Stücks durch die Darstellung auf einer höheren Reflexionsebene. Die rechtlichen und religiösen Zwänge sowie die Widersprüche der Handlungszwänge Antigones müssten in dem Moment ihrer Darstellung und geistigen Durchdringung zumindest potentiell schon nicht mehr die ihrigen sein. In diesem Modus und aus dieser Position heraus über das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtgesellschaft und das der Gesamtgesellschaft zum Einzelnen zu reflektieren, heißt aber Moralphilosophie. Die Grenzen derselben als bürgerliche auszumachen und ihre Widersprüche im Rahmen liberalen Denkens zuzuspitzen, heißt dagegen ihre Kritik.

Im Tutorium wollen wir mit euch – im Ausgang von der Tragödie Antigone – klassische Texte der bürgerlichen Moralphilosophie (Kant, Hegel) lesen und an ihnen Grundprobleme derselben herausarbeiten. Ein Ziel unseres Tutoriums wäre nach der Auseinandersetzung mit den Klassikern die Wendung zur Kritik derselben mithilfe von Texten der Kritischen Theorie der Gesellschaft (Nietzsche, Horkheimer, Adorno). Dabei soll sich das Tutorium nach unseren gemeinsamen Lektüreinteressen richten und kann gerne um Anregungen von eurer Seite aus ergänzt werden. Willkommen sind dabei alle, die sich für das übergeordnete Thema interessieren und Freude an anspruchsvoller Textarbeit sowie spannenden Diskussionen haben.

Dienstags 18:05–19:35
Erstes Treffen: 31. Oktober
Kontakt: Andrea & Michael ( )
Ort: S1|03/110

Identitätspolitik: historische Notwendigkeit und materialistische Kritik

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, lange nachdem die Weltrevolution durch Stalin verraten und der Sozialismus in einem Lande ausgerufen wurde, kam die Sehnsucht nach Identität innerhalb der Linken zu ihrem vollen Ausdruck.

Dies könnte man abstrakt als Sich-Einrichten in der schlechten Wirklichkeit kritisieren. Doch damit würde man die aus dem Scheitern der Revolution sich ergebende Notwendigkeit dieser Bewegung(en) übergehen, die nicht zuletzt aus der Bedrohung der schutzlosesten Subjekte der Gesellschaft folgt.

Aus dieser Notwendigkeit, so unsere These, hypostasieren die Liberalen und die Linke jedoch mal positive Identitäten für die Verwertung, mal das sehnsüchtig erwartete revolutionäre Subjekt, das schon über die kapitalistische Vergesellschaftung vermeintlich hinausweist. Wie kann eine materialistische Kritik der Identitätspolitik aussehen, die sich sowohl der Gefahr des barbarischen Rückfalls als auch des fortwesenden Elends bewusst ist? Wie lässt sich eine dialektische Vermittlung von universalistischer Emanzipation und partikularen Identitätsbildungen denken? Wie ist eine Befreiung des Individuums vom stets kollektiven Identitätszwang möglich? Ganz im Sinne Adornos wäre „[e]ine emanzipierte Gesellschaft [...] kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen.“

Um uns an Antworten zu diesen Fragen anzunähern, wollen wir zunächst jeweils einige Auszüge aus Theodor W. Adornos „Negative Dialektik“, Frantz Fanons „Schwarze Haut, weiße Masken“ und Judith Butlers „Das Unbehagen der Geschlechter“ lesen, um dann zu aktuelleren Kritiker*innen der Identitätspolitik zu kommen: Sama Maanis „Respektverweigerung“, Alain Finkielkrauts „Die Niederlage des Denkens“, Albert Memmis „Decolonization and the decolonized“ und Patsy l’Amour laLoves „Beißreflexe“.

Mittwochs 16:15–17:45
Erstes Treffen: 01. November
Kontakt: Andy und Tonguc ( )
Ort: S1|15/138

Lesekreis: „Das Individuellste sei das Allgemeinste“ – Adornos Minima Moralia

„In der individualistischen Gesellschaft jedoch verwirklicht nicht nur das Allgemeine sich durchs Zusammenspiel der Einzelnen hindurch, sondern die Gesellschaft ist wesentlich die Substanz des Individuums.“

Bereits im Titel Reflexionen aus dem beschädigten Leben wird die Abkehr oder besser die Unmöglichkeit eines Positiven deutlich. Nicht der Entwurf vom guten Leben, sondern die Reflexion auf das beschädigte, versucht Adorno in seiner Minima Moralia. Dessen entfremdeter Gestalt kann nur habhaft werden, wer nicht "unmittelbar vom Unmittelbaren" redet. – „Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen". Diesem Anspruch folgend werden alltägliche Gegebenheiten und Beobachtung (wie bspw. das Schenken) zum Ausgangspunkt kleiner essayistischer Aphorismen, in denen das Richtige, das Versöhnte nur negativ als möglicher Kontrapunkt des Geschilderten durchscheint.
In den vielen fragmentarischen Texten, aus denen sich die Minima Moralia zusammensetzt, geht es ebenso um die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft wie um die Unmöglichkeit bzw. die Grenzen derselben. Der notwendigen Distanz des Kritikers und seiner Verstricktheit in das Objekt seiner Kritik – da er ja selber Teil, mithin Produkt dieser Gesellschaft und seiner Praxis ist – muss dabei Rechnung getragen werden.
Das Tutorium richtet sich an alle Studierende aller Fachrichtungen, die Lust und Interesse an dieser Auseinandersetzung haben. Die gemeinsam zu lesenden Aphorismen sollen in der ersten Sitzung zusammen mit den Teilnehmer*innen ausgewählt werden.

Mittwochs 18:05–19:35
Erstes Treffen: 1. November
Kontakt: Jörg & Mike ( )
Ort: S1|03/64 (AStA Konferenzraum)

„Recht auf Stadt“ – Weg in eine freie Stadt der Zukunft oder bornierter Regionalismus?

Unter dem Slogan „Recht auf Stadt“ konstituieren sich seit Beginn des 21. Jahrhundert weltweit verstärkt Bewegungen, die sich für „die Rückeroberung der Stadt“, das Recht auf Mitbestimmung und gegen eine „Gentrifizierung“ der Städte einsetzen. Bekannt sind u.a. die Bewegungen in Mexiko und Hamburg. Der fast allen „Recht auf Stadt“-Bewegungen gemeinsame Bezugspunkt ist der Essay „Le droit à la ville“ (Das Recht auf Stadt) des französischen Soziologen Henri Lefebvre.

Lefebvre beschreibt in seinem Essay, wie sich die Entwicklung der Städte von einem „kreativen Ort der Schöpfung“ hinzu bloßen Produktionsstätten vollzieht. Allerdings beschreibt er nicht nur die Situation, wie er sie im Jahr 1968 vorfindet, sondern regt dazu an, die Stadt als einen Ort zu begreifen, der durchaus emanzipatorisches Potential bietet. Er beschreibt es als sein Ziel, „diese Probleme ins politische Bewusstsein zu heben“ . Was uns dran besonders interessiert, sind die Fragen, wie ein solches „Recht auf Stadt“ konkret gedacht wird,wie dieses heute aussehen könnte und welche Folgen das z.B. für die Entwicklung und Gestaltung der Universitäten haben könnte. Wir wollen dafür zunächst mit der Lektüre von Lefebvres Essay beginnen und anschließend weiterführende bzw. aktuelle Beiträge zu der Thematik lesen. Darüber hinaus möchten wir uns aber auch mit Kritik an den Bewegungen und ihren theoretischen Grundlagen beschäftigen. Wie sich das Tutorium genau gestalte, wollen wir mit allen Teilnehmer*innen gemeinsam besprechen. Wenn du also noch eigene Ideen hast, nehmen wir diese gerne in die Gestaltung mit auf. Da wir mit einem Grundlagentext beginnen, sind keine Vorkenntnisse gefordert. Wir freuen uns auf jede die Lust hat, sich mit der Thematik zu beschäftigen.

Mittwochs 18:05–19:35
Erstes Treffen: 1. November
Kontakt: Anika & Johanna ( )
Ort: S1|02/331

Der Naturalismus und seine Grenzen

Die Behauptung von Natürlichkeit als Mittel zur Rationalisierung von sozialen Praktiken und Herrschaftsverhältnissen ist heute wieder – oder immer noch – hoffähig. Asymmetrische Geschlechterrollen, die soziale Ächtung von Homosexualität, ökonomische Ungleichheiten und viele andere menschengemachte gesellschaftliche Realitäten werden, insbesondere in konservativ-rechten Diskursen, zu natürlichen Produkten wiederum natürlicher, heute gern auch: evolutionärer, Prozesse umgedeutet. Wer sich gegen diese Naturalisierung wehrt, gilt schnell als hoffnungslos idealistisch; wer sie verteidigt, der stilisiert sich gerne zum harten Realisten. Welche Möglichkeiten gibt es, dieser Falle zu entgehen und den Naturalismus als gesellschaftlich gemacht zu entlarven? Diese Frage wollen wir in unserem Tutorium zu beantworten versuchen, indem wir uns an den historischen Ursprung des naturalistischen Denkens zurückversetzen: In die klassische Antike. Eine heute oft vergessene Gruppe von Denkern, die Sophisten, bestimmten das intellektuelle Leben im alten Griechenland zentral mit. Oft äußerst polemisch und aggressiv in ihrem Auftreten und rücksichtslos in ihrer Kritik an der herrschenden Moral ihrer Zeit, waren sie zugleich die Erfinder des philosophischen Naturalismus und vieler seiner Argumentationsmuster, die noch heute in fast unveränderter Form genutzt werden. Wir wollen uns in einer gemeinsamen Lektüre der überlieferten Fragmente anschauen, wie sie ihre Positionen begründen und wo ihre Grenzen sind. Wenn wir das geschafft haben und uns Zeit bleibt, steht es uns offen, in einem weiteren Schritt in die Moderne zu springen und uns anzuschauen, wie das naturalistische Denken z.B. bei Nietzsche weiterentwickelt und zu einer emanzipatorischen Kraft wird. Da die Textabschnitte, die wir lesen, sehr kurz sind und ohne komplizierte Terminologie auskommen ist das Tutorium für Studierende aller Fachbereiche geeignet. Ich hoffe, euer Interesse geweckt zu haben und freue mich auf eure Teilnahme und Mitgestaltung!

Donnerstags 18:05–19:35
Erstes Treffen: 2. November
Kontakt: Sophia ( )
Ort: S1|03/10

Der Sprung in das Andere der Moderne

Frag nicht nach Gründen: Spring einfach in unser Tutorium!

Am liebsten würden wir das einfach so stehen lassen – denn darin kommt schon recht gut zum Ausdruck, worum es uns gehen wird… Um die Unentschlossenen unter euch nicht völlig vor den Kopf zu stoßen, folgt hier jedoch ein grober Ausblick auf das, was euch im Tutorium erwartet: Gemeinsam wollen wir uns kritisch mit der Philosophie des „Sprungs“ auseinandersetzen, der die säkulare Moderne hinter sich lassen will. Der Sprung in den Glauben, in den Fundamentalismus oder in den eigenen Tod verspricht Entlastung vor deren Zumutungen – die Dinge sind schließlich kompliziert, und sorgen oft für Frust.

Wir wollen uns zunächst mit Kierkegaards Schrift „Furcht und Zittern“ beschäftigen. In ihr wird der Sprung in den Glauben thematisiert: Kierkegaards Alter Ego Johannes di Silentio erläutert den Sprung an der biblischen Gestalt Abrahams, der bereit ist, seinen eigenen Sohn Gott zu opfern. Weil sich Abraham nicht von moralischen Intuitionen oder Gesetzen irritieren lässt, sondern sich Gottes Plänen blind unterwirft, betrachtet di Silentio ihn als einen „Ritter des Glaubens“. Die philosophische Verklärung von Irrationalität, die man im Werk von Kierkegaard findet, muss man nicht teilen. Was man in der Auseinandersetzung mit ihr gewinnt, ist jedoch ein Blick für die totalitären Züge der abrahamitischen Religionen, zu denen das Christentum wie auch Islam und Judentum gehören.

Einen ähnlichen Zug findet man auch im Werk von Žižek. Als Atheist und Post-Marxist geht der zwar auf Distanz zu religiösen oder metaphysischen Weltanschauungen. Dennoch lassen sich Berührungspunkte zwischen der kierkegaardschen Sprungphilosophie und der heideggerianischen Ereignis-Philosophie, an die Žižek anknüpft, ausmachen. Denn hinter dem Begriff des Ereignisses lauert die Philosophie des Sprungs in säkularisierter Form. Als „teleologische Suspension des Ethischen“ vermag sie revolutionären Terror sowohl zu erklären wie zu verklären.

Da wir sehr textnah vorgehen werden, eignet sich das Tutorium sowohl für Philosophie-Interessierte/Einsteiger wie für Fortgeschrittene. Fachfremde sind genauso willkommen wie Fachkundige.

Freitags 16:15–17:45
Erstes Treffen: 3. November
Kontakt: Jürgen ( )
Ort: S1|03/11

Von der Gabe zur Kritik am Kapitalismus?

Was ist das Problem an der heutigen kapitalistischen Gesellschaft? Ein Problem besteht darin, dass ist der kapitalistischen Marktwirtschaft Produkte stets gegen ihren Gegenwert getauscht werden. Beim Äquivalenztausch wird Gleichwertiges gegeneinander ausgetauscht. Ein Brot für 3 Euro ist genau so viel wert, wie ein Buch für 3 Euro. Das ist erst einmal nur gerecht. Die Kehrseite ist aber, dass dadurch alles seinen Preis hat. Alles wird mit allem vergleichbar und alles kann in Kosten und Nutzen kalkuliert werden. Dadurch wird alles in der Welt in ein einziges Identitätsverhältnis gezwungen.

Aber Güter müssen ja nicht auf dieser Art und Weise ausgetauscht werden, wie es heute praktiziert wird. Der französische Ethnologe Marcel Mauss hat in den 1920ern bereits außereuropäische Stämme erforscht und beobachtet, dass sie auf eine andere Weise Gegenstände austauschen. Diesen Austausch nannte Mauss Gaben-Tausch. Im Zentrum dieses Gaben-Tauschs steht nicht, möglichst gewinnorientiert Handel zu betreiben, sondern über den Gaben-Tausch wurden und werden soziale Beziehungen zwischen Einzelnen und zwischen Stämmen errichtet und gestärkt. Gaben-Tausch schafft Vertrauen. Dies zeigt, Menschen können auch anders Dinge tauschen. Wäre das nicht ein Modell für eine nicht-kapitalistische Wirtschaft?

Dieser Idee geht in neuerer Zeit der französische Soziologe Alain Caillé nach. Mit einem Bezug auf den Forschungen von Marcel Mauss und dessen Gaben-Ansatz versucht Caillé die Idee einer solidarischen Wirtschaft und einer Schenkökonomie zu begründen. Doch Caillés Ansatz stößt auch auf Kritik. Können wirklich die ökonomischen Dynamiken der kapitalistischen Weltgesellschaft durch ein alternatives Tauschmodell ersetzt bzw. herausgefordert werden? Liegt dann nicht auch im Gaben-Tausch eine moralisch-ethische Dimension, die unabhängig von der Konzeption einer solidarischen Wirtschaft für die normative Bestimmung von Anerkennungsbeziehungen in der Familie oder auch im Staat genutzt werden kann? Diese und weitere Fragen wollen wir im Tutorium in einer angenehmen Atmosphäre diskutieren. Wir wollen gemeinsam Texte von Adorno, Marcel Mauss, Alain Caillés und anderen lesen und besprechen und über die Frage nachdenken, was es für Alternativen zu unserer jetzigen Gesellschaft geben könnte.

Freitags 18:05–19:35
Erstes Treffen: 3. November
Kontakt: Martin ( )
Ort: S1|03/11

Feministische Utopien

1964 attestiert Adorno eine „Schrumpfung des utopischen Bewußtseins“. Dem Menschen, so Adorno, sei die Fähigkeit abhanden gekommen, sich das gesellschaftliche Ganze als etwas vorzustellen, das auch völlig anders und nicht zuletzt besser sein könnte. Den Grund dafür verortet er in dem Spannungsverhältnis, in das er den Menschen gestellt sieht: Obwohl der Mensch weiß, dass alle Menschen als Freie und ohne Armut leben könnten, ist er mit einer gesellschaftlichen Apparatur konfrontiert, die sich ihm als scheinbar unveränderbar entgegenstellt. Diesen Konflikt versteht der Mensch mit Adorno nun nicht anders aufzulösen als, freudsch gesprochen, durch die Identifikation mit dem Angreifer, eine Angstbewältigungsstrategie: Was nicht ist, darf nicht sein und was ist, ist richtig. Utopien aber sind ihrem Begriff nach gerade Gegenentwürfe, sogenannte Nicht-Orte, die eine andere, bessere Welt in Raum oder Zeit vorstellen sollen. Dabei imaginieren die meisten klassisch gewordenen Utopien das gute Leben ausschließlich für den Mann und allein den Mann als freien Bürger. Diese Marginalisierung von Frauen, die eine doppelte ist: einmal als die nicht Vorgestellten in den Utopien selbst und ein weiteres Mal auf Rezeptionsseite, wenn Utopien von Frauen keinen Eingang in den Kanon finden, möchte dieses Tutorium gerne zum Anlass nehmen, Utopien queerfeministisch zu diskutieren und verschiedene Feminismen gegeneinander abzugrenzen. Die kursorische Lektüre einiger ausgewählter heteronormativer Klassiker kann dabei zeigen, was fehlt; der Blick auf ausgewiesene feministische Utopien dagegen, wie Frauen eine bessere Welt konzipieren, in der ein gutes Leben – für alle? – möglich sein soll. Und auch wir müssen uns, wollen wir nicht, mit Adorno gesprochen, auf die Welt vereidigt bleiben, wie sie ist, ganz dringend fragen, wie wir leben wollen…

Am Dienstag, den 31.10. findet um 18:05 ein Vortreffen zur Planung von Blöcken statt. Wenn ihr an dem Tag nicht könnt, erfragt bitte per Mail die ausgemachten weiteren Termine.

Kontakt: Anja ( )
Ort: S1|02/331

Machtverhältnisse und -strategien in der unternehmerischen Hochschule

Die Hochschulpolitik ist tot. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn wir danach gefragt werden. Schließlich ist man ja höchstens drei Jahre an der TU. Zwei Jahre zu verschwenden, um dann drei einen Hauch besser zu studieren, macht wenig Sinn. Außerdem können wir, wenn wir realistisch sind, eh nichts erreichen. Höchstens für den Lebenslauf, als kleiner Vorteil gegenüber den anderen, macht das noch Sinn – aber dafür reicht es auch, jeden Monat mal in der Fachschaft vorbeizuschauen und bei der OWO mitzusaufen. Die, die dann doch Gremienarbeit machen, stellen aber fest, dass es auch den Noten (sehr) gut tut, den Profs zu gefallen und an der Verwaltung der Arbeit in Institut und Fachbereich mitzuwirken.

Die Hochschule ist ein Ort heftige Machtkämpfe. Nach außen unsichtbar, merken in den Gremien rebellierende Studierende, die sich konsequent für studentische Interessen einsetzen schnell, was es heißt, Ohnmacht zu erleben, sich handlungsunfähig zu fühlen und es zu sein. Diese vom Einzelnen erfahrene Ohnmacht hat einen strukturellen Hintergrund: Die Macht- und Herrschaftsverhältnisse der unternehmerischen Hochschule. Wo es sich die oben beschriebenen Studierendentypen gemütlich machen, verzweifelt der Kritiker.

Doch der Ohnmacht lässt sich auch etwas entgegensetzen: Eine Analyse der Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den Gremien, auf deren Basis Gegenstrategien entwickelt werden können – das ist das Ziel des Tutoriums. Wie gehen wir vor? Wir setzen uns mit der Geschichte des Wandels der Hochschule, methodischen Grundlagen für die Analyse und Macht- und Herrschaftstheorien auseinander. Wir beobachten eine Gremiensitzung, analysieren sie mit den Machttheorien und überlegen uns anschließend, wie Studierende in den Gremien unsere Interessen besser vertreten können. Das Ergebnis ist ein Dossier für studentische Vertreter_innen, das unsere Interessen und unseren Einfluss an der Hochschule stärkt.

Am Donnerstag, den 02.11. findet um 18:05 ein Vortreffen zur Planung von Blöcken statt. Wenn ihr an dem Tag nicht könnt, erfragt bitte per Mail die ausgemachten weiteren Termine.

Kontakt: Alex ( )
Ort: S1|03/64

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