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Autonome Tutorien im Wintersemester 2022/23

Poster ATs WS22-23

Liebe Kommiliton:innen,

 

auch für dieses Semester haben sich einige eurer Mitstudent:innen wieder die Mühe gemacht, sich in verschiedene Fragestellungen und Themenkomplexe einzuarbeiten und diese nun wöchentlich als Autonomes Tutorium anzubieten. Für euch also die sehnlichst vermisste Gelegenheit, endlich den Anschluss an heiß diskutierte Debatten zu finden, endlich ein tieferes Verständnis von Wissenschaft und Gesellschaft zu erarbeiten, endlich die von verschulten Modulplänen ausgesparten Ansätze zu ihrem Recht zu bringen und endlich Einsichten zu gewinnen, die ihren Zweck nicht in bestandenen Klausuren erschöpfen.
Autonome Tutorien widmen sich Themen, die im straffen Lehrplan der Form und dem Inhalt nach keinen Platz finden. Sie bieten die Möglichkeit, eigenen wissenschaftlichen Interessen ungezwungen nachzugehen und sie in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zu stellen. Das ist angesichts des stetigen Drucks im Studienalltag zwar leider häufig kaum möglich, der Erfahrung nach finden sich in den Tutorien aber dennoch viele Studierende ein, denen das Thema am Herzen liegt und die die Zeit und Muße mitbringen, sich der Sache aufmerksam zu widmen. Und gerade bei schwierigeren Themen werden Wissenshierarchien nicht gegeneinander ausgespielt, sondern alle Teilnehmer:innen mit einbezogen.

Solltet ihr an einem der geplanten Termine keine Zeit haben, meldet euch gerne bei den Leiter:innen des Tutoriums. Manchmal ist eine Terminänderung in Absprache mit den Teilnehmer:innen möglich. Auch ein späterer Einstieg ist kein Problem.

Wir hoffen auf reges Interesse und freuen uns auf eure Teilnahme!

             

Wie nehme ich an einem Autonomen Tutorium teil?

  • Um an einem Tutorium teilzunehmen, könnt ihr einfach zur ersten Sitzung erscheinen.
    Solltet ihr später dazustoßen, meldet euch am besten kurz per Mail unter der aufgeführten Adresse, dann bekommt ihr das Diskussionsmaterial und erfahrt auch, ob es Änderungen hinsichtlich Raum oder Zeit gab.
  • Die Tutor:innen stellen die Textgrundlagen und anderes Material zur Verfügung.
  • Die Tutorien beginnen in der Woche zum 31. Oktober und finden dann wöchentlich statt.
    Normalerweise wieder am Campus Stadtmitte, in Ausnahmen auch noch per Videokonferenz.
  • Über Mailverteiler oder Messenger bleibt ihr für alle weiteren Absprachen in Kontakt.
             

Solltet ihr allgemeine Fragen zum Projekt haben, schreibt uns gerne an , bei Fragen zu den einzelnen Tutorien, schreibt den jeweiligen Tutor:innen einfach direkt.

Ihr möchtet selbst ein Tutorium anbieten? Gegen Ende der Vorlesungszeit wird eine Bewerbungsfrist durch Aushänge, über Mailverteiler und auf den Webauftritten des AStA bekanntgegeben. Die eingereichten Konzepte werden dann anonymisiert und von einer vom AStA gestellten Auswahlkommission diskutiert und ausgewählt. Alle weiteren Informationen dazu findet ihr auf unserer Übersichtsseite zur Ausschreibung.

Die Tutorien:

Arbeit essen Seele auf: Psychopolitik, Neoliberalismus und Arbeit

Gerade so rechtzeitig zur Frist oder mit Aufschub eine Abgabe geschafft, jetzt noch einen Vortrag vorbereiten, dann… – dann noch die Hausarbeiten und dann …. Wir gestalten unseren Alltag zunehmend so, dass er unseren studentischen/beruflichen Pflichten nicht im Weg steht. Und das schon bevor wir vollständig in den Arbeitsmarkt eintauchen?! Unbegrenzte Anforderungen, absolute Eigenverantwortlichkeit und das Bedürfnis seine Aufgaben nicht stumpf abzuarbeiten, sondern gut zu machen, eventuell etwas sinnstiftendes dabei zu erfahren. Das ist die Ideologie der Selbstverwirklichung durch Arbeit.

Das interdisziplinäre Konzept der Psychopolitik nach Alexandra Rau (Darmstadt) oder Byung-Chul Han (Berlin) bietet einen Erklärungsansatz für zahlreiche aktuelle (arbeits-)gesellschaftliche Tendenzen, wie der dauerhaften Selbstoptimierung, die nahezu alle Bereiche des „privaten“ Lebens kolonialisieren. Dabei ist die Psyche der zentrale Ort des Zugriffs der Macht an dem sich Selbstführungs- und Fremdführungsinteressen und -techniken bekämpfen. Zudem konstatieren viele soziologische Autor*innen eine Zunahme psychischen Leidens, was sich unter anderem im steigenden Anteil psychisch bedingter Arbeitsausfälle abbildet. Vor diesem Hintergrund stellen sich die Fragen Macht Arbeit krank? Wie kann man mit den überwältigenden Anforderungen umgehen, ohne sich selbst und seine Gesundheit zu gefährden? Wie müssten gesundheitsförderliche Arbeitsverhältnisse aussehen? Welche gesellschaftlichen Akteure haben Gestaltungsmacht und Verantwortung? Oder brauchen wir alle nur Therapie? Sind wir selbst für unser Scheitern verantwortlich? Als Kontrast zu psychopolitischen Überlegungen in foucaultscher Theorietradition sollen psychoanalytisch-sozialpsychologische Ansätze der kritischen Theorie – bspw. Regina Becker-Schmidt oder neuere Ansätze wie Marianne Leuzinger-Bohleber (klinisch-psychoanalytisch), Cornelia Klinger (Veränderung der Subjektkonstitution), Lutz Eichler (Arbeit und autoritärer Charakter) – dienen.

Kontakt: Janik ( )
Termin: Montags 16:15 – 17:45
Erste Sitzung: 31. Oktober
Raum: S1|03/312

 

Meme Politics: Über die Ästhetisierung der Politik und die Politisierung der Kunst

Memes sind allgegenwärtig. Die zumeist humoristischen Bilder und Videos finden vorwiegend in den sozialen Netzwerken Verbreitung und werden dort millionenfach geteilt. In den vergangenen Jahren haben sich Memes als fester Bestandteil der Netzöffentlichkeit und des (sub)kulturellen Online-Diskurses etabliert.

Im Tutorium möchte ich mich vor allem der politischen Dimension dieses zeitgenössischen Medienphänomens widmen. Denn Memes wurden und werden von allen Parteien und Strömungen des politischen Spektrums zu Zwecken der Agitation und Propaganda genutzt. Zunächst soll ein grundlegendes Verständnis über die Entstehung und das Funktionieren von Memes entwickelt werden. Neben einer Dokumentation über den Technoviking unterstützt uns dabei einführende medienwissenschaftliche Literatur. Anschließend dient Walter Benjamin, der in seinem Aufsatz über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit von der Ästhetisierung der Politik durch den Faschismus und der Politisierung der Kunst durch den Kommunismus schreibt, als Stichwortgeber. Anhand des rechtsextremen Netzwerks Reconquista Germanica gilt es im Folgenden die Verwendung von Memes in der deutschen Alt-Right zu thematisieren. Außerdem soll die Technik des Détournements, also der Zweckentfremdung bzw. Entwendung beleuchtet werden, die der Memeproduktion zugrunde liegt. Zu guter Letzt möchte ich darüber diskutieren, ob und inwiefern Memes zur Durchsetzung von emanzipatorischen Interessen gebraucht werden können.

Neben dem Anschauungsmaterial, das die Texte selbst liefern, sollen auch eigene Beispiele eingebracht und besprochen werden. Möglicherweise entstehen im Rahmen des Tutoriums sogar eigene Memes. Für die Teilnahme sind keine besonderen Vorkenntnisse nötig.

Kontakt: Jonas ( )
Termin: Montags 16:15 – 17:45
Erste Sitzung: 31. Oktober
Raum: S1|15/015

 

Jean Baudrillard: Was heißt es in der Simulation zu leben?

Hat der Golfkrieg nicht stattgefunden? Existiert Disneyland nur, um zu verschleiern, dass bereits ganz Amerika zu Disneyland geworden ist? Leben wir in einer Simulation? Jean Baudrillard sagt dazu ganz klar: JA. In einer Szene zu Beginn des Films Matrix benutzt der Protagonist Neo ein ausgehöhltes Buch Baudrillards (Simulacra and Simulation) als Versteck. Die wohl bekannteste Geschichte über das Leben in einer Simulation ließ Baudrillard jedoch kalt. In Matrix existiert noch eine Realität hinter der Simulation, in die man irgendwie zurückgelangen kann. Für Baudrillard ist diese Realität jedoch verschwunden, einen Weg zurück gibt es für uns nicht. Vielmehr ist die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Realität selbst einer der Motoren der Simulation. „Matrix is surely the kind of film about the matrix that the matrix would have been able to produce.“ Doch wie ist die These der Simulation zu verstehen? Was sind Simulakren? Und was hat das alles mit dem Kapitalismus zu tun? Diesen und weiteren Fragen wollen wir in diesem AT auf den Grund gehen. Die Lektüre wird auf Englisch und Deutsch gelesen. Das AT richtet sich an Studierende aller Fachbereiche, es sind keine Vorkenntnisse nötig.

Kontakt: Jan ( )
Termin: Dienstags 16:15 – 17:45
Erste Sitzung: 1. November
Raum: S1|03/102

 

Verwobenes Erbe: (Post)Kolonialismus und die Dämonisierung der „Anderen“

Das exotische Aussehen, die patriarchal Erzogenen, die „andere“ Kultur oder das eigene emanzipierte, fortschrittliche europäische Selbstbild. Bilder und Gegenbilder über das „Westliche“ und die „Anderen“ sind vielfältig und nicht neu. Sie werden seit Jahrhunderten überliefert und sind Teil des westeuropäischen Wissensbestandes. So entwickeln sich im Laufe des Imperialismus in Europa unter der europäischen Kolonialherrschaft unterschiedliche Diskurse, die die „Anderen” und den Umgang mit ihnen beschreiben. Jene historisch gewachsenen Diskurse und Wissensbestände dienen hierbei der eigenen Selbstdarstellung und transportieren Vorurteile und Stereotypen, die sich als äußerst langlebig erweisen, aber auch einem steten Wandel unterliegen. Dabei stellt sich die Frage: „Welche Bedeutung hat die Konstruktion und das Wissen um die “(kulturell) Anderen” für die deutsche Migrationsgesellschaft?“

Unter dieser Fragestellung wollen wir anhand ausgewählter Materialien, Medien und Methoden Einblicke in Analysen zu dieser Fragestellung geben und unter postkolonialen Ansätzen eine Herausarbeitung der soziohistorischen wechselseitigen Abhängigkeit und Verflechtung zwischen Europa seit der Aufklärung und dem von Europa kolonialisierten Rest der Welt sowie dessen Auswirkungen auf gegenwärtige Wissensbestände in der heutigen deutschen Migrationsgesellschaft vornehmen. Dabei betrachten wir auch die deutschen Bildungsinstitutionen, beispielsweise die Schule und die Hochschule, als Normalisierungsmacht, die zu den Grundmustern eines Systems in Deutschland gehören. Denn außer Medien tragen auch insbesondere Akteur*innen mit ihrer Arbeit in Bildungsinstitutionen wesentlich zu jener Reproduktion normalisierter und rassistischer Wissensbestände bei und festigen unsere Bilder über die „Anderen“. Wir werden die betreffende Literatur für die Sitzung immer zur Verfügung stellen.

Kontakt: Aline und Sara ( )
Termin: Dienstags 16:15 – 17:45
Erste Sitzung: 1. November
Raum: S1|02/244

 

Zum Verhältnis von Postkolonialer Theorie und Antisemitismus

Postkoloniale Theorien erfreuen sich gegenwärtig großer Beliebtheit. Leider haben viele von ihnen einen blinden Fleck: Antisemitismus.

In diesem Autonomen Tutorium möchten wir gemeinsam einen Blick auf die Geschichte und Theorieentwicklung des Postkolonialismus werfen. Es soll aufgezeigt werden, welche Positionen bei bspw. Edward Said oder Achille Mbembe problematisch sind, etwa weil sie antisemitische Stereotype bedienen oder Israel dämonisieren. Gleichzeitig wollen wir uns damit auseinandersetzen welche Bedürfnisse der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“ und „Schlussstrichmentalität“ mithilfe postkolonialer Theorie kolportiert werden.

Am Ende des Tutoriums soll eine energische Argumentation gegen Antisemitismus und die Fähigkeit, die Schwachstellen postkolonialer Theoriebildung zu erkennen, stehen.

Kontakt: Johannes ( )
Termin: Dienstags 18:05 – 19:35
Erste Sitzung: 1. November
Raum: S1|03/015

 

Wer erzieht die Erzieher? Kritische Erziehung im kapitalistischen Gesellschaftssystem

„… denn die politischen Zeitumstände wollen es, dass heute in der Bundesrepublik kaum etwas größere Dringlichkeit besitzt als die Bestimmung der Ursachen, die für die Verhinderung einer umfassenden Reform unserer Bildungseinrichtungen verantwortlich zu machen sind.“ (Axel Honneth)

Exakt diesem Ziel widmet sich des ehemaligen Kultusministers und geschäftsführenden Direktors des Instituts für Sozialforschung: Ludwig von Friedeburgs Studie Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch. Ihr Ergebnis: dass „sich als Ursachen für die gegenläufigen, exkludierenden Maßnahmen am Ende stets wieder die handfesten Interessen ausmachen lassen, die die herrschenden Klassen an der Wahrnehmung ihres Monopols auf kulturelle Macht besessen haben“ (Honneth).     
Doch: von Arendt über Horkheimer/Adorno, Bourdieu, Dewey wie Marcuse, doch auch Castoriadis und von Friedeburg ist letztlich klar, dass demokratische Erziehung sich in einem Konfliktfeld zum kapitalistischen Gesellschaftssystem befindet. Scheinbar verhindern gewisse Sachzwänge die freie Entfaltung des Menschen und setzen sich bis hinein in die politische Imaginationsfähigkeit.
In diesem Tutorium lade ich euch also ein, ausgehend von einigen Köpfen der kritischen Theorie(n) – vor allem jedoch ausgehend von einigen Passagen Ludwig von Friedeburgs monumentaler Studie – miteinander herauszufinden, ob und inwieweit das kapitalistische Gesellschaftssystem in Konflikt zur Erziehung zu Autonomie steht. Es bietet sich zudem an, von Friedeburgs gescheitertes Projekt: Die Etablierung des eingliedrigen Schulsystems auf Herz und Nieren zu prüfen. Dafür kann je nach Interesse auch der exakte Programmentwurf im Medienecho der damaligen Zeit besehen werden. Hierfür kann zuvor die notwendige Textbasis erziehungswissenschaftlicher Forschung bereitgestellt werden.    
     Vorwissen ist nicht benötigt und nicht einmal Problembewusstsein, da die doppelte Problemdiagnose (Kapitalismus vs. Autonomie und die Form des Schulsystems) sehr gerne kritisiert werden kann – ist doch die Treue in der Kritik der Modus, in dem kritisches Bewusstsein floriert. Gerade dem Gegenwind möchte ich mit euch die Nase entgegenstrecken. Lasst uns also um Erfahrungen und Perspektiven reicher aus dem AT gehen, denn mit dem großen Pierre Hadot: „Alle Erziehung ist Konversion“.

Kontakt: Patrick ( )
Termin: Freitags 14:25-16:05
Erste Sitzung: 4. November
Raum: S103/015

 

Der Begriff des Anthropozäns: Eine kritische Auseinandersetzung

Der Begriff „Anthropozän“ wird in vielen Debatten wie selbstverständlich verwendet, um den Einfluss des Menschen auf den Planeten zu verdeutlichen. Das Zeitalter der Menschen wird nicht nur in der Geologie, sondern ebenso in den Sozialwissenschaften, in der Geschichte, der Philosophie und sogar im Feuilleton diskutiert.

Doch was bedeutet die Erkenntnis, dass ein geologisches Zeitalter von der Menschheit geprägt wird, für die Gesellschaft, die Politik und für jede:n einzelne:n von uns? In diesem Tutorium sollen die verschiedenen Facetten der Anthropozän-Debatte im Idealfall interdisziplinär diskutiert werden. Die Meinungen scheiden sich gerade an der Frage, ob man die Menschheit in seiner Gesamtheit als prägend für ein neues Zeitalter betrachten muss, oder ob nicht viel mehr unterschieden werden muss welche Menschen und/oder welches Wirtschaftssystem das neue Zeitalter prägen.

Welche Formen von Ungerechtigkeit gehen mit dem Anthropozän einher und wie können diese bekämpft werden? Kann man überhaupt von einem „vom Menschen“ geprägten Erdzeitalter sprechen angesichts der Tatsache, dass nur ein Teil der globalen Bevölkerung für die aktuellen Entwicklungen verantwortlich ist? Wie sind in diesem Kontext Alternativbegriffe wie beispielsweise das „Capitalozän“ oder das „Chthuluzän“ zu bewerten?

Je nachdem, mit welchen Begriffen wir über die Klimakrise nachdenken, drängen sich andere Problemdiagnosen und Lösungsmöglichkeiten auf. Aus diesem Grund ist es sinnvoll sich mit diesem, in den Debatten so prominent vertretenen, Begriff kritisch zu beschäftigen.

Kontakt: Jonas B. ( )
Termin: Mittwochs 14:25 – 15:55
Erste Sitzung: 2. November
Raum: S1|03/110

 

Kritische Theorie und Feminismus

„Kritische Theorie und Feminismus“ ist der Titel eines Sammelbandes, der dieses Jahr erschienen ist und auf einem Kongress beruht, den das Forum Kritische Wissenschaften in Frankfurt 2019 organisiert hat.

Ausgehend von der Feststellung, dass beide Theorieparadigmen Leerstellen aufweisen – die Kritische Theorie in geschlechtertheoretischer, die feministische Theorie in gesellschaftstheoretischer Hinsicht – wurde das ‚Projekt‘, diese in ein spannungsvolles, sich gegenseitig ergänzendes Verhältnis zu setzen, maßgeblich von Regina Becker Schmidt und Axeli Knapp angetrieben und wird heute von Autorinnen wie zum Beispiel Alexandra Colligs und Barbara Umrath weitergeführt, mit deren Texten wir uns beschäftigen wollen.

Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen dabei polarisierende Fragen unserer Zeit, die feministische Theoriebildung, den öffentlichen Diskurs und aktivistische Debatten prägen: Wer ist das feministische Subjekt und wie steht es um das Subjekt Frau? In welchem Verhältnis stehen Produktion (Lohnarbeit) und Reproduktion (Haus- und Sorgearbeit)? Wie kann eine

feministische Ideologiekritik aussehen? Was bedeutet Intersektionalität und wie müssen wir das Konzept gesellschaftstheoretisch deuten? Welche Spielräume gibt es für das (handelnde) Subjekt, das je schon in gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen situiert ist und was bedeutet das für eine feministische Praxis? Diesen Fragen wollen wir uns im Tutorium gemeinsam nähern.

Kontakt: Laura und Magdalena ( )
Termin: Mittwochs 16:15 – 17:45
Erste Sitzung: 2. November
Raum: S1|02/330

 

Was ist Universität?

Partys, Freizeit, ein selbstbestimmtes Leben und Lernen. Das sind Narrative, die Menschen oft über das Studieren erzählen. Aber wie viel finden wir eigentlich in unserem heutigen Studium davon wieder? Die Realität widerspricht diesen Erzählungen: Überfüllte Seminare, kleinteilige und undurchsichtige Prüfungsordnungen, eine abstrus kurze Regelstudienzeit, mangelhafte Betreuung durch Lehrende, unterfinanzierte Fachbereiche – die Liste ließe sich lange fortführen. Und auch die Party fällt flach, weil man Freitag nach einer langen Uni-Woche arbeiten muss, um das Studium zu finanzieren. Jede*r Studierende wird im Laufe seiner*ihrer Zeit an der Universität auf einen Großteil dieser Probleme gestoßen sein. Dazu kommt, dass die Pandemie eine ganze Generation von Studierenden hervorgebracht hat, die erst seit dem Sommersemester 2022 Seminare in Präsenz besuchen konnten.

Als Ursache für die prekären Studienbedingungen und die Probleme im Universitätsbetrieb wird in kritischen Auseinandersetzungen die Bologna-Reform ausgemacht. Es sind über zehn Jahre vergangen als die letzten großen Studierendenprotesten, die im Dezember 2009 in München starteten, große Forderungen gestellt haben. Daher wird es Zeit die grundlegende Frage wieder zustellen: Was ist Universität?

Dabei zielt die Frage auf das Wesen der Universität – und ihre Beantwortung konnte schon immer mit wenigen Begriffen umrissen werden. Universität als Ort der Unabhängigkeit und Freiheit, der Einheit von Forschung und Lehre sowie der uneingeschränkten Ausrichtung der Wissenschaft auf Wahrheit. Doch diese Begriffe stehen nicht allein. Sie erlangen ihre Kraft in einem Bezugsfeld anderer Begriffe und gesellschaftlicher Verhältnisse, die darum ebenso wesentlich zu der Bestimmung des Ortes der Universität gehören. Genau dem wollen wir uns gemeinsam nähern. Gemeinsam lesen wir die Idealisten Fichte, Schelling und von Humboldt, als auch kritische Autor*innen wie Benjamin, Adorno, Foucault, Barthes, Butler und Derrida. Außerdem schauen wir uns kritischen Arbeiten von Alex Demirović und anderen an.

Kontakt: Lukas ( )
Termin: Mittwochs 16:15 – 17:45
Erste Sitzung: 2. November
Raum: S1|03/102

 

Gesellschaft, Bedürfnis, Befreiung

In diesem Autonomen Tutorium soll weiterverfolgt werden, was Herbert Marcuse die Notwendigkeit einer politischen Praxis nennt, die auf menschliche Bedürfnisse gegründet ist. Sein programmatischer Aufsatz mit dem Titel „An Essay on Liberation“ soll hierfür als Ausgangspunkt dienen.

Marcuse wurde durch die Studentenrevolten der 1968er inspiriert und sah als Überschuss der Proteste eine Haltung, die er später „new sensibility“ nennen wird. Es geht Marcuse hier um ein ästhetisches Ethos, das sich im Namen verwehrter Bedürfnisse gegen kapitalistische Unterdrückung stellt. Er spricht hier von einer beinahe biologischen Unfähigkeit, Unrecht zu tolerieren. Wie sich Marcuse die Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse vorstellt, damit dieses Ethos seine Wirkmächtigkeit entfalten kann, soll im Tutorium gemeinsam ergründet werden.

Kapitalistische Ausbeutung und kapitalistische Subjektivierung sind jedoch immer vermittelt mit anderen Formen der Unterdrückung. Gerade wenn emanzipatorische Praxis menschliche Bedürfnisse zentrieren soll, führt kein Weg daran vorbei, die Frage nach der Befreiung, die Marcuse stellt, feministisch zu wenden.

Wir werden uns daher der Frage, welche Bedeutung Bedürfnisse für emanzipatorische Praktiken einnehmen, von zwei Seiten nähern: Einerseits vonseiten der frühen Frankfurter Schule, sowie andererseits von einer dekolonialen, materialistisch- und queer-feministischen Perspektive. Für den ersten Teil des Tutoriums werden wir maßgeblich mit Marcuse, T. W. Adorno und Karl Marx arbeiten. Im Anschluss werden wir uns der Lektüre von Angela Davis, Silvia Federici und Verónica Gago zuwenden.

Ausgehend von diesen beiden Perspektiven wird Bedürfnis stets als gesellschaftliche Kategorie verhandelt werden, die an ihre historischen Bedingungen geknüpft und dadurch veränderbar ist. Im Tutorium wollen wir den Versuch wagen, Konvergenzen oder auch Spannungen zwischen den bedürfniszentrierten Transformationsvorstellungen, die diese beiden Theorietraditionen anzubieten haben, ausfindig zu machen.

Kontakt: Altaira ( )
Termin: Mittwochs 18:05 – 19:35
Erste Sitzung: 2. November
Raum: S1|03/102

 

Simone de Beauvoir

Als Menschen existieren wir in der Freiheit zu bestimmen, wer wir sein und wie wir handeln wollen. Doch diese Freiheit wird durch verschiedene Situationen in denen wir Leben eingeschränkt. Wie können wir der Verantwortung gerecht werden, die uns unsere Freiheit auferlegt und wie können wir dieser Verantwortung gerecht werden in Situationen, die uns einschränken und die keine von vornherein richtigen Entscheidungen zulassen? Dies sind die Fragen, die Simone de Beauvoir ihr Leben lang umtrieben haben.

Simone de Beauvoir schrieb in verschiedensten Textsorten, um ihr Denken und ihre Ideen vielfältig zu vermitteln. Sie schrieb philosophische Essays über eine Ethik der Freiheit, denRoman „Die Mandarins von Paris“, der zeigt, wie schwierig es sein kann verantwortungsvoll mit der eigenen Freiheit in politisch schwierigen Zeiten umzugehen. In ihren Memoiren wiederum beschreibt sie, wie sie selbst mit diesen Problemen leidenschaftlich umgegangen ist. Beauvoir bietet also eine Vielzahl an Zugangsweise zu ihrem leidenschaftlichen und engagierten Denken, das viele Feminist*innen dazu motivierte ein freies Leben führen zu wollen und dafür zu kämpfen.

Daher werden wir uns im Tutorium zum Teil komplett, zum Teil in Auszügen ihre Essays, den Roman „Die Mandarins von Paris“, sowie Teile ihrer Memoiren gemeinsam erarbeiten und darüber diskutieren, was uns Beauvoirs Aufruf zur Freiheit in schwierigen Situationen heute noch sagen kann.

Kontakt: Johanna ( )
Termin: Donnerstags 16:15 – 17:45
Erste Sitzung: 3. November
Raum: S1|03/102

Themen: